„Sichtbar und doch unsichtbar.“ So beschreibt die japanische Künstlerin Midori ihr Werk, mit dem sie Sexarbeit erforschen will. „InVocation“ heißt die Installation, die sie in der Bundeskunsthalle aufgebaut hat: Ein handgeknüpfter, zeltartig aufgehängter Seilvorhang, der mit Erinnerungsstücken von Sexarbeitenden verwoben ist. Abgelegte BHs, Spitzenslips, High Heels oder andere. So ist etwa ein rotes Top Antonias Andenken an einen Protest von Stripperinnen, die 1996 für bessere Arbeitsbedingungen kämpften. Die Ausstellung „Sex Work. Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“ ist bis zum 25. Oktober zu sehen.
Die Bundeskunsthalle hat es sich für die Schau zum Grundsatz gemacht, Betroffene einzubeziehen. Die Schau folge dem Prinzip „Nichts über uns ohne uns“. Deshalb wurde die Präsentation in Zusammenarbeit mit einem Kollektiv forschender Sexarbeiterinnen und -arbeiter entwickelt. Mit „Objects of Desire“ haben sie ein Archiv zusammengetragen, das persönliche Geschichten und Erinnerungsstücke von Sexarbeitenden dokumentiert.
„Nicht romantisieren, aber Haltung zeigen“
Mit der Ausstellung will die Bundeskunsthalle nach den Worten von Intendantin Eva Kraus aufklären und Wissen vermitteln. „Wir wollen nicht romantisieren, aber Haltung zeigen.“ Die Präsentation wolle die Perspektive verschieben, ergänzt Kuratorin Johanna Adam. Der als stigmatisierend empfundene Begriff der Prostitution wird deshalb in der Ausstellung gemieden. Bei Sexarbeit handele es sich um Arbeit, betont Adam. Ein neutraler Begriff, der nichts verschleiere.
Der Parcours durch die Kulturgeschichte des ältesten Gewerbes der Welt verläuft nicht chronologisch, sondern eher im Zickzack. Anhand von Gemälden, Grafiken, Objekten, Filmen und Fotografien werden verschiedene Aspekte, Orte und Epochen beleuchtet. Kurz blickt die Schau zunächst auf die Hetären in der Antike. Freizügige sexuelle Szenen auf einem Weinmischkrug aus dem alten Griechenland des vierten Jahrhunderts vor Christus belegen, dass Sexarbeit dort durchaus üblich war.
Danach geht es in die Pariser Oper des 19. Jahrhunderts. Dort war es gängige Praxis, dass junge Tänzerinnen nach ihren Auftritten wohlhabende Männer aus dem Publikum empfingen. Als Gegenleistung für finanzielle Unterstützung forderten diese sexuelle Dienste ein. Henri de Toulouse-Lautrec war regelmäßig im Viertel um das Moulin Rouge unterwegs und hielt in seinen Bildern Szenen aus dem Leben von Sexarbeiterinnen, Bardamen und Tänzerinnen fest.
Momente der Erschöpfung
Ähnlich ging es im Berlin der 1920er Jahre zu. Dort herrschte nach dem Ersten Weltkrieg einerseits finanzielle Not. Andererseits entstanden neue Freiräume. Künstler wie George Grosz und Otto Dix schildern das Nachtleben in Bordellen und Bars in ihren Bildern. Weniger bekannt ist die Hamburger Künstlerin Elfriede Lohse-Wächtler, die Sexarbeiterinnen in St. Pauli in Momenten des Wartens und der Erschöpfung zeigt. Die Künstlerin kleidete sich gerne männlich. Sie wurde später von den Nationalsozialisten als „unheilbar geisteskrank“ interniert und 1940 ermordet.
Die staatliche Regulierung von Sexarbeit wird in einem eigenen Kapitel thematisiert. Bereits zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert wurden in Europa städtische Bordelle eingerichtet. Außerhalb dieser tolerierten Räume waren sogenannte Prostituierte ungeschützt. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in einigen deutschen Städten Sittenpolizeien gegründet. Frauen, die Sex verkauften, mussten sich dort anmelden und auch Auflagen wie etwa Gesundheitskontrollen erfüllen. Christian Krohgs Gemälde „Albertine im Wartesaal des Polizeiarztes“ (1886/87) zeugt von der beklemmenden Atmosphäre solcher Untersuchungen.