Der Flug über das Meer zur steil aufragenden Felsküste ist atemberaubend, untermalt von Meeresrauschen und Möwengeschrei. Die Schau des Städel-Museums in Frankfurt am Main „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ beginnt mit einem Film auf saalhohen Wandteilen. Der Faszination der Felsen erlagen Künstler von der Romantik über den Impressionismus bis zur klassischen Moderne. Sie haben das Fischerdorf entdeckt, wie Direktor Philipp Demandt erläutert. Dadurch wurde es im 19. Jahrhundert zu einem beliebten Badeort und im 20. Jahrhundert zum Ziel des Massentourismus .
„Étretat war die erste Insta-Wucht der Geschichte“, sagt Demandt. Die Felsformationen, „wie von Riesen gebackene Baumkuchen“, hätten das Erhabenheitsgefühl und die Naturverliebtheit der Romantiker sowie den Farbenrausch der Impressionisten getroffen. Die gemeinsam mit dem Museé des Beaux Arts in Lyon entwickelte Schau wolle zeigen, welche Bedeutung Étretat für die Kunstgeschichte hatte und wie die Künstler den Ort zu dem machten, was er heute ist.
Felsentore faszinierten Monet
Die vom 19. März bis 5. Juli geöffnete Ausstellung vereint rund 170 Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und historische Dokumente, darunter im Zentrum 24 Werke von Claude Monet (1840-1926). Daneben sind Werke von Eugène Delacroix, Gustave Courbet, Henri Matisse, Camille Corot, Johann Wilhelm Schirmer und anderen zu sehen. Monet hat nach Demandts Angaben bei mehreren Aufenthalten in den 1880er Jahren mehr als 80 Bilder in Étretat gefertigt, ein Drittel davon aus aller Welt ist in der Schau zu sehen. Die hellen, heiteren Gemälde bilden die Steilküste, die Felsentore und das Meer ab, Menschen interessierten Monet hier nicht. „Monet ist nur ein Auge, aber was für ein Auge“, zitiert Kurator Alexander Eiling den Maler-Zeitgenossen Paul Cézanne.
An den Felsen von Étretat habe Monet die Motivserie erfunden, die er später auch bei den Motiven der Seerosen und Kathedralen anwandte. Auf der Suche nach dem besten Standort sei Monet riskant die Felsen hinuntergeklettert, einmal habe die Flut ihn mitsamt dem Malmaterial weggespült, berichtet Eiling. Doch Künstler hatten das Fischerdorf in der Normandie schon lange vor Monet entdeckt. Das früheste gezeigte Gemälde stammt von Alexandre Jean Noel, der es 1786 zur Werbung für die Austernzucht am Ort fertigte. Ab den 1820er Jahren ließen sich Künstler in dem Dorf nieder.
Courbet erlebte einen Wirbelsturm
Zu den frühen Entdeckern gehörte Johann Wilhelm Schirmer (1807-1863), der 1836 fast fotorealistische Ölstudien der Meereswogen und Felsen anfertigte, um sie für die Ausbildung der Landschaftsmaler an der Düsseldorfer Akademie zu benutzen. Der Aufenthalt von Gustave Courbet (1819-1877) 1869 verlieh dessen kommerziellem Erfolg wie auch der Popularität von Étretat einen Schub. Der Maler erlebte in seiner Unterkunft direkt am Strand einen Wirbelsturm, wie die Kuratorin Eva Mongi-Vollmer erzählt. Dabei habe er das Motiv der Woge kreiert, dem er eine Serie mit aufgespachtelter Farbe in „krustiger Malweise“ widmete. Im Gegensatz zu den späteren Bildern von Monet zeigt Courbet die sich aufbäumenden Wellen und die tiefhängenden Wolken in düsteren Farben.
Nicht nur Maler, auch Schriftsteller wie Victor Hugo oder Guy de Maupassant fühlten sich von der Steilküste angezogen. Georges Simenon ließ seinen Krimi „Maigret und die alte Dame“ dort spielen. Die Attraktivität der Naturschönheit hat nicht nachgelassen, auch die französische Netflix-Serie „Lupin“ von 2021 spielt unter anderem an dem Küstenort.
Zugang zu Klippen gesperrt
Der Massentourismus, die Klimakrise und die Erosion haben allerdings ihre Spuren in Étretat hinterlassen. Eineinhalb Millionen Touristen besuchen den Ort jedes Jahr, 60 Erdrutsche gehen jährlich ins Meer. So ist im vergangenen April laut Demandt der Zugang zu den Klippen und zu den meisten Stränden gesperrt worden.