Protest und Eigensinn
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Alexander Kluge (2018)
Alexander Kluge im Alter von 94 Jahren in München gestorben
Frankfurt a.M. (epd).

Der Filmemacher und Autor Alexander Kluge gilt als einer der einflussreichsten Intellektuellen der Republik. Er starb am 25. März mit 94 Jahren in München, wie der Suhrkamp Verlag in Berlin unter Berufung auf die Familie mitteilte.

Kluge kam 1932 in Halberstadt zur Welt, am Nordrand des Harzes im heutigen Sachsen-Anhalt. Dort erlebte er als Heranwachsender die Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg. Als seine Heimatstadt im letzten Kriegsjahr 1945 von den Alliierten bombardiert wurde, detonierte wenige Meter neben ihm eine Bombe. Er überlebte unverletzt, aber das Erlebnis sollte ihn prägen. Später kam Kluge immer wieder auf den Krieg in seiner Heimatstadt zurück.

Die Katastrophe Zweiter Weltkrieg

Warum eigentlich war solch eine Katastrophe wie der Zweite Weltkrieg möglich? Warum müssen sich Männer, die einen Beruf und eine Familie haben, in der Kälte von Stalingrad in Erdlöchern eingraben? Die Katastrophe und die Möglichkeit ihrer Vermeidung: Beide Themen haben Kluge stets umgetrieben.

Sein kritischer Blick auf die deutsche Gesellschaft der 1950er Jahre mit ihrer Kombination aus Wiederaufbau und Restauration führte ihn nach einem Studium der Rechtswissenschaft, Geschichte und Kirchenmusik zur „Kritischen Theorie“ Theodor W. Adornos und Max Horkheimers. Sie analysierte den Einfluss des Kapitalismus auf den Einzelnen und beherrschte in den 60er Jahren die Soziologie. Kluge wurde Mitarbeiter der „Frankfurter Schule“.

Vertreter des Neuen Deutschen Films

Adorno vermittelte den vielseitig interessierten Kluge an den Filmregisseur Fritz Lang („Metropolis“), der aus dem amerikanischen Exil heimgekehrt war und zu der Zeit an dem Film „Das indische Grabmal“ arbeitete. In den folgenden Jahren wurde Kluge zu einem der wichtigsten Vertreter des Neuen Deutschen Films. Er war Mitinitiator des Oberhausener Manifestes, das „Papas Kino“ für tot erklärte und zu einer Blüte des deutschen Autorenfilms führte.

Zu seinen ersten Filmen zählen „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ (1968)„ und “Abschied von gestern" (1966) über eine Tochter jüdischer KZ-Überlebender, die aus der DDR flieht und in der Bundesrepublik straffällig wird. Für sie erhielt Kluge zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Silbernen und Goldenen Löwen auf dem Festival in Venedig. Mit seinem umfangreichen Werk, das Kurzfilme und experimentelle Spielfilme umfasst, wurde er zu einem der wichtigsten Regisseure der Bundesrepublik.

Träger des Georg-Büchner-Preises

Neben der Filmarbeit beschäftigte ihn die Frage, wie die Kritische Theorie nach dem Tod Adornos weitergeführt werden könnte. Das Ergebnis waren die Bücher „Öffentlichkeit und Erfahrung“ (1972) und vor allem „Geschichte und Eigensinn“ (1981), ein dickes Werk, das zu einem Theorieklassiker der Post-68er-Generation wurde.

Wenn Kluge aber später sagte: „Mein Hauptwerk sind meine Bücher“, meinte er damit seine literarischen Arbeiten. 2003 erhielt er den Georg-Büchner-Preis. Alexander Kluge wurde immer mehr zu einem Hans-Dampf-in-allen-Gassen, kein Genre, kein Medium blieb ihm fremd. Sein Freund und Mitstreiter, der erst kürzlich verstorbene Jürgen Habermas, sagte einmal über Kluges literarische Geschichten, selbst wenn sie schlecht ausgingen, habe man immer den Eindruck, durch eine kleine Wendung des Geschehens hätte alles ganz anders und viel besser werden können.

Bereits 1964 hatte er mit dem Stalingrad-Buch „Schlachtbeschreibung“ auch auf dem Feld der Literatur für Aufsehen gesorgt. In den 80er Jahren trat die Literatur etwas zurück - um dann mit der „Chronik der Gefühle“ (2000) wieder an erster Stelle zu stehen.

Sendefenster im Privatfernsehen

Als das Privatfernsehen aufkam, gelang ihm ein großer Coup: Kluge wurde Ende der 80er Jahre zum Fernsehunternehmer. Mit seiner Produktionsfirma dctp gelang es ihm, sich Sendefenster bei RTL und Sat.1 zu sichern. Lange Zeit war er nicht wohlgelitten, doch Kluge konterte alle Vorwürfe, mit seinen hochwertigen Kultursendungen die Zuschauer zu verschrecken, mit den Worten: „Besser ein Quotenkiller als eine Quotennutte.“

In einem Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) betonte Kluge 2019, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland ein hohes Gut sei. Man dürfe „nicht unterschätzen, was ein intaktes öffentlich-rechtliches System vermag.“ Der öffentlich-rechtliche Rundfunk dürfe nicht „die Erfolge des privaten Fernsehens“ nachahmen, mahnte Kluge.

Von Mario Scalla (epd)