Die diakonische Stiftung Wittekindshof setzt nach Angaben ihres theologischen Vorstands Marian Zachow bei der Begleitung von Menschen mit herausfordernden Verhaltensweisen heute konsequent auf pädagogische Lösungen. Zachow äußerte sich auch dazu, was die Stiftung nach den Vorwürfen von Freiheitsberaubung verändert hat. Der Prozess gegen vier ehemalige Mitarbeitende beginnt am 24. September in Bielefeld.
epd: In dem Prozess am Landgericht Bielefeld geht es um Vorwürfe der Freiheitsberaubung im Bereich von Menschen mit sogenanntem „herausfordernden Verhalten“. Was hat sich seit Bekanntwerden der Vorwürfe im Jahr 2019 verändert?
Maßstab „Pädagogik zuerst“
Durch die Geschehnisse im Jahr 2019 haben wir all unser schon vorhandenes Know-how noch praxisnäher weitergedacht und -entwickelt: Was kann man mit Pädagogik erreichen, wo man vielleicht über Jahrzehnte glaubte, ohne Zwangsmaßnahmen nicht auszukommen? Nehmen wir beispielsweise den „Time-out-Raum“, den wir 2019 abgeschafft haben. Lange galt ein solcher Raum für die Arbeit mit Menschen in Extremsituationen als unverzichtbar. Wir haben es seit 2019 ausprobiert - und erleben jeden Tag, dass es auch ohne gut geht.
„'Herausforderndes Verhalten' unglücklicher Begriff“
Wenn sie in psychische Extremsituationen geraten, dann neigen sie dazu, sich selbst oder auch andere zu verletzen. Einige schlagen beispielsweise mit dem Kopf gegen die Wand, werfen mit Mobiliar um sich oder treten Türen ein. Und es gibt in Psychiatrie und Psychologie auch nur wenige, die sich mit der besonderen Herausforderung von Menschen mit kognitiver und psychischer Beeinträchtigung gut auskennen.
„Anspruchvollste Aufgabe der Eingliederungshilfe“
„Randgruppe der Randgruppen“
Wir merken aber auch, dass darüber nicht offen geredet und nachgedacht wird. Kognitiv beeinträchtigte Menschen sind leider noch immer eine Randgruppe, Menschen mit kognitiver und psychischer Beeinträchtigung aber sind erst recht die Randgruppe der Randgruppen. Unser Anliegen ist es, das Thema aus der Nische herauszuholen und diesen Menschen eine Stimme im politischen Diskurs zu geben.
epd: Wie kann das aussehen?
Zachow: Dazu gehört zunächst, dass man offen über diese Situation redet. Die Menschen im Umfeld müssen es einordnen können, dass diese Personen im Wesentlichen eher aggressiv gegen sich selbst als anderen gegenüber sind. Als Gesellschaft sollte es uns das wert sein, sich um diese Menschen zu kümmern. Dazu gehört übrigens auch, für die Menschen mit herausforderndem Verhalten Möglichkeiten in Werkstatt und Berufsbildung zu eröffnen; da ist zum Beispiel in der Kooperation mit der Agentur für Arbeit noch viel zu tun.
Wir brauchen auch eine noch bessere Vernetzung zwischen Eingliederungshilfe und Psychiatrie, zum Beispiel wären wohnortnahe Akutstationen, die sich auf Menschen mit kognitiver und psychischer Beeinträchtigung spezialisiert haben, ein wichtiger Schritt. Auch müsste dieses Thema in den verschiedenen Fachdisziplinen an den Hochschulen und in der Ausbildung verankert werden. Dazu gehört nicht nur ehrlich zu diskutieren, sondern auch Ressourcen bereitzustellen.
„Wir brauchen mehr Plätze“
Wir begleiten Menschen, für die es bundesweit nur sehr wenige spezialisierte Angebote gibt. Angehörige schildern mir oft, was das für eine furchtbare Suche ist und wie lange es dauert, bis man überhaupt Plätze findet. Wir brauchen mehr Plätze. Die Politik muss sich dieser Aufgabe annehmen und vom Einzelfall zur strukturellen Lösung kommen.
epd: Können Sie Beispiele für positive Entwicklungen von Menschen mit herausfordernden Verhalten nennen?
Intensive Begleitung führt zu mehr Teilhabe
Auch wenn das Einzelfälle sind, zeigen die Beispiele, wie eine intensive Begleitung zu mehr Teilhabe führt. Für uns ist es eine Frage der Menschlichkeit, Menschen auch mit herausfordernden Verhaltensweisen ein Leben in Würde, mit Teilhabe größtmöglicher Selbstbestimmung zu ermöglichen. Einen Menschen einige Zeit sehr intensiv zu unterstützen und auch entsprechende Ressourcen zu investieren, die mehr Teilhabe und Normalität zu ermöglichen, ist „unterm Strich“ effizienter, als ihn „auf ein Abstellgleis zu stellen“, wo dann jahrzehntelang zudem hohe Kosten entstehen.