Mit über 70 noch Spaß an der Arbeit
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Manfred Greveler hat mit über 70 noch Spaß an der Arbeit als Steuerberater
Warum Rentnerinnen und Rentner weiter im Beruf bleiben
Haltern am See, Berlin (epd).

In den großen Regalen reihen sich Nachschlagewerke aneinander: Fachliteratur über Steuerrecht, Betriebskosten, Abschreibungschancen. Manfred Greveler informiert sich gerne aus Büchern über gesetzliche Vorgaben und Bestimmungen. Seit fast 50 Jahren arbeitet er als Steuerberater im westfälischen Haltern am See.

„Es macht mir immer noch viel Spaß“, sagt er mit einem Lächeln. Denn er arbeitet mit 73 Jahren weiter, obwohl er seit acht Jahren auch Rente bezieht.

Nur ein Teil arbeitet aus finanziellen Gründen

Greveler ist kein Einzelfall, denn nach Angaben des Statistischen Bundesamts arbeiten rund 13 Prozent der Rentnerinnen und Rentner im Alter zwischen 65 und 74 Jahren weiter. Der höchste bisher gemessene Wert. Dabei spielen laut einer Erhebung von 2023 finanzielle Gründe für 33 Prozent eine Rolle, aber auch der Spaß an der Erwerbstätigkeit und der Wunsch, weiter eine Aufgabe zu haben (29 Prozent).

„Ich helfe Menschen gerne bei schwierigen Steuerfragen“, sagt Greveler. Der Umgang mit dem nicht ganz einfachen deutschen Recht hält ihn geistig fit, zudem sorgt er für Arbeitsplätze, weil er drei Steuerfachangestellte und eine Auszubildende beschäftigt.

Diskussion über Rente mit 70

In der Politik wird angesichts des demografischen Wandels derzeit wieder heftig darüber gestritten, ob nicht mehr Menschen länger arbeiten sollten. Wie inzwischen bekannt wurde, wird in der Rentenkommission auch über die Rente mit 70 diskutiert.

Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat solche Überlegungen allerdings mehrfach eine Absage erteilt und für diese Legislaturperiode klar ausgeschlossen. Von einer „Rentenkürzung durch die Hintertür“ sprach der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB): „Schon heute schaffen es viele nicht, gesund bis 65 oder gar bis 67 zu arbeiten“, kritisierte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plädierte hingegen mehrfach für eine Erhöhung des Renteneintrittsalters.

Bekanntes Problem

„Wir werden langfristig nicht drumherum kommen, dass wir alle länger arbeiten müssen“, sagte Henrik Schmitz, Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit am RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das Problem sei bekannt: Die Menschen werden älter, die Babyboomer gehen in Rente, weniger Beitragszahler müssen mehr Rentner finanzieren.

Dabei räumt Schmitz ein, dass es Berufe im Handwerk, in Fabriken oder in der Pflege gebe, die längeres Arbeiten aus gesundheitlichen Gründen erschweren. Daher müsse es auch bei einem späteren offiziellen Renteneintrittsalter weiter Wege geben, früher mit der Arbeit aufhören.

„Wir sollten den Menschen aber keine Steine in den Weg legen, wenn sie länger arbeiten wollen“, sagt er. Denn ein Renteneintritt könne sich auch negativ auf die Gesundheit auswirken. Die Studienlage sei nicht eindeutig, aber es zeige sich, dass das Ende des Arbeitslebens mitunter erst positiv auf körperliches und seelisches Befinden wirke, sich später aber negative Aspekte häuften, weil Aufgaben und Herausforderungen fehlten.

Zudem habe sich gezeigt, dass kognitive Fähigkeiten wie Denken, Lernen oder sich Erinnern abnähmen, wenn Menschen in Rente gingen. Das sei unabhängig vom Beruf. „Arbeit gibt eine Tagesstruktur, fördert das Denken und geistige Leistungen, hat also viele positive, gesundheitliche Aspekte“, betonte er.

Unterschied von geistiger und körperlicher Arbeit

Das sieht der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger ähnlich. Er ist inzwischen 78 Jahre, bezieht seit 13 Jahren eine kleine Rente und praktiziert weiter: „Ich empfinde meine Arbeit als Berufung und freue mich, noch immer täglich mit Patienten zu sprechen“, betonte er. Im Alter spiele der Lebenssinn eine wichtige Rolle. „Ich beobachte eher, dass Menschen schwer erkranken, wenn sie nicht mehr arbeiten und nur noch zu Hause sind“, berichtet der Psychologe.

Nach Ansicht Krügers sollte man differenzieren zwischen geistiger Arbeit im Büro und schwerer körperlicher Arbeit: „Die gesundheitliche Belastung ist in einigen Berufen sehr unterschiedlich.“ Wer sein Leben lang auf dem Bau oder in der Pflege geschuftet habe, für den sei 65 Jahre vermutlich eine Grenze.

Er plädiert dafür, dass Menschen Schritt für Schritt selbst entscheiden können, wie lange sie arbeiten. Denn während einige Menschen nach Jahrzehnten harter Arbeit einfach erschöpft seien, litten andere seelisch und körperlich, wenn Kontakte und Herausforderungen durch den Beruf fehlten.

Manfred Greveler jedenfalls will so lange weiterarbeiten, wie es Spaß macht und er fit bleibt. Seine Frau habe auch eingesehen, dass es nichts für ihn sei, jeden Tag zu Hause zu sein. „Der Beruf ist mein Leben“, sagt er.

Von Michael Ruffert (epd)