"Wo noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist": 60 Jahre "Star Trek
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Experte: "Star Trek noch heute frisch und spannend"
Vom Fernsehflop zur Kultserie
Bottrop (epd).

Eigentlich war die Reise der „Enterprise“ schon nach drei Jahren beendet. 1969 setzte der US-Sender NBC die Serie „Star Trek“ nach 79 Folgen ab, die Einschaltquoten waren mäßig. Doch das vermeintlich gescheiterte Weltraumabenteuer sollte sich zu einem der erfolgreichsten Science-Fiction-Universen entwickeln.

Am 8. September 1966 wurde „Star Trek“ erstmals im US-Fernsehen gezeigt. 60 Jahre später umfasst die Reihe rund 900 Fernsehfolgen, 13 Kinofilme sowie unzählige Romane, Comics und Computerspiele. Nach Serien wie „Discovery“, „Picard“ und „Strange New Worlds“ setzt „Star Trek: Starfleet Academy“ die Reise im Streamingzeitalter fort. Im Movie Park Bottrop wird der Geburtstag am 8. September mit einem offiziellen „Star Trek Day“ gefeiert.

Dass „Star Trek“ bis heute so erfolgreich ist, liegt nach Einschätzung des Autors und „Star Trek“- Experten Björn Sülter vor allem an einer kühnen Idee: „Gemeinsam mit starken Identifikationsfiguren war es möglich, von einer besseren Welt ohne Kriege, Krisen, Leid, Armut und Krankheit zu träumen“, sagte Sülter dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Eine friedliche Mission im Kalten Krieg

Mitten im Kalten Krieg, während des Vietnamkriegs und der Auseinandersetzungen um die Gleichberechtigung schwarzer Menschen präsentierte die Serie eine multikulturelle Besatzung um den Vulkanier Spock. Die „Enterprise“ war auch kein Kriegsschiff, sondern im Auftrag einer Art Weltraum-UNO auf Forschungsmission.

Die schwarze Schauspielerin Nichelle Nichols, die als Kommunikationsoffizierin Uhura auf der Brücke zu sehen war, wurde von Bürgerrechtler Martin Luther King beschworen, ihre Rolle nicht aufzugeben. „Zum ersten Mal sieht uns die Welt, wie es sein sollte, als Gleiche, als intelligente Menschen“, habe er ihr gesagt, wie sie in ihrer Autobiografie schreibt.

Uhura war auch 1968 in einer Szene zu sehen, die als erster Kuss im US-Fernsehen zwischen einer afroamerikanischen Frau und einem weißen Mann für Aufsehen sorgte. In der Handlung wurden Uhura und Captain Kirk allerdings von Außerirdischen zu dem Kuss gezwungen.

„Star Trek“-Schöpfer Gene Roddenberry (1921-1991) verstand die Serie als Entwurf einer besseren Gesellschaft. Er hoffe, dass sie gezeigt habe, „was wir sein können, wenn wir an uns und unsere Fähigkeiten glauben“, sagte er einmal. Aus dieser Idee erwuchs eine weltweite Fankultur: Die „Trekkies“ hielten die abgesetzte Serie durch Fantreffen und Kampagnen am Leben. Durch Wiederholungen auf regionalen Sendern wurde die Serie immer beliebter.

Der schwierige Start der „Enterprise“

Der Weg ins Fernsehen war holprig. Den ersten Pilotfilm „Der Käfig“ mit Jeffrey Hunter als etwas steifer Captain Christopher Pike lehnte NBC ab. Für den zweiten Versuch wurde fast die gesamte Besatzung ausgetauscht. Es blieb aber Leonard Nimoy als Spock; das Kommando übernahm William Shatner als Captain James T. Kirk.

Ausgerechnet Spock wurde später zu einer der populärsten Figuren der Reihe. Roddenberry hatte um den halb menschlichen, halb vulkanischen Wissenschaftsoffizier kämpfen müssen. Der Sender soll befürchtet haben, seine spitzen Ohren könnten bibeltreue Zuschauer an den Teufel erinnern.

Einen religiösen Bezug hatte jedoch tatsächlich Spocks berühmter Vulkaniergruß: Nimoy, der 2015 starb, berichtete in seiner Autobiografie, dass die Geste mit den gespreizten Fingern auf einen jüdischen Priestersegen zurückgehe. Dieser habe ihn als Kind bei einem Synagogenbesuch fasziniert.

In Deutschland wurde der Ton lockerer

Als das ZDF „Star Trek“ 1972 unter dem Titel „Raumschiff Enterprise“ ins deutsche Fernsehen brachte, war die Originalserie in den USA bereits seit drei Jahren abgesetzt. Die Ausstrahlung fiel jedoch in eine Zeit großer Weltraumbegeisterung, wie Sülter erklärt. Nur wenige Jahre zuvor waren mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin erstmals Menschen auf dem Mond gelandet.

Die deutsche Synchronfassung setzte stärker auf Humor und einen schnoddrigen Ton als das Original. So wurde „Star Trek“ hierzulande zunächst vor allem als unterhaltsames Weltraumabenteuer für ein jüngeres Publikum wahrgenommen.

Nazi-Episode lange unter Verschluss

Mit dem Privatfernsehen kamen in den 1980er- und 1990er-Jahren schließlich fast alle Folgen auf deutsche Bildschirme. Sat.1 entwickelte sich zum deutschen „Star Trek“-Sender und zeigte auch die Nachfolgeserien.

Eine Episode der Originalserie blieb jedoch besonders lange unter Verschluss. In „Schablonen der Gewalt“ („Patterns of Force“) von 1968 stößt die Enterprise-Besatzung auf einen Planeten, dessen Gesellschaft nach dem Vorbild des NS-Regimes organisiert ist. Wegen der zahlreichen Hakenkreuze, SS-Uniformen und anderer Nazi-Symbole wurde die Folge in Deutschland erst Jahrzehnte später vollständig veröffentlicht.

Wiederauferstehung auf der Kinoleinwand

1979 kehrte ein Großteil der ursprünglichen Crew für „Star Trek - Der Film“ zurück - diesmal auf die Kinoleinwand. Später übernahm in „Raumschiff Enterprise - Das nächste Jahrhundert“ eine neue Mannschaft unter Captain Jean-Luc Picard (Patrick Steward) das Kommando. Die weiteren Serien entwickelten Roddenberrys Gesellschaftsentwurf weiter: „Deep Space Nine“ rückte mit Benjamin Sisko (Avery Brooks) einen schwarzen Kommandanten ins Zentrum, in „Raumschiff Voyager“ führte mit Kathryn Janeway (Kate Mulgrew) erstmals eine Frau eine „Star Trek“-Serie als Captain an.

Inzwischen ist das Universum im Streamingzeitalter angekommen. Raumschiffe, Besatzungen und Erzählweisen wechseln - die zentrale Hoffnung ist geblieben: Dass die Menschheit ihre Konflikte eines Tages überwinden und gemeinsam aufbrechen könnte, dorthin, „wo nie zuvor ein Mensch gewesen ist“, wie es der Vorspann der ersten „Star Trek“-Serie verheißt.

Von Holger Spierig (epd)