Gleich zu Beginn steht eine Frau, die das Unheil kommen sah - und doch kein Gehör fand. Die trojanische Seherin Kassandra gilt bis heute als Sinnbild für Warnungen, die nicht ernst genommen werden. Ihre Skulptur empfängt die Besucher der Ausstellung „Prophezeiungen - Wer deutet die Zeichen der Zeit?“, die am Sonntag im Paderborner Diözesanmuseum beginnt.
Die Schau beleuchtet Prophetinnen und Propheten von der Antike bis in die Gegenwart. Historische Objekte, Skulpturen und Gemälde treten dabei in einen Dialog mit zeitgenössischen Installationen.
Wie gegenwärtig das Motiv der ungehörten Warnung ist, zeigt sich wenige Schritte weiter: Der Kassandra-Skulptur des Künstlers Thomas Duttenhoefer ist das großformatige Foto eines Trommeltänzers aus Ostgrönland gegenübergestellt. Es stammt von der Fotografin Barbara Dombrowski. Für ihre Serie porträtierte sie indigene Menschen, deren Lebensräume unmittelbar vom Klimawandel betroffen sind.
Orakelstäbchen aus Frauengräbern
Die Vitrine dazwischen präsentiert sogenannte Orakelstäbchen aus Holz, Metall und Knochen aus dem 5. bis 9. Jahrhundert, die in westfälischen Frauengräbern gefunden wurden. Sie veranschaulichen spätantike und mittelalterliche Praktiken göttlicher Befragung.
Thematisch spannt die Ausstellung den Bogen von Orakeln der griechischen und römischen Mythologie über Propheten des Christentums bis zu Installationen mit Künstlicher Intelligenz. In einer Installation des Dortmunder „storyLab kiU“ lösen Besucher durch Bewegungen Bilder und Motive aus, die an diffuse Wahrnehmungen bei einem Orakel erinnern.
Auch eigene Fragen können die Besucher dort hinterlassen. Sie sollen später in die Installation einfließen, erläutert Harald Opel, Künstlerischer Leiter des „storyLab kiU“ der Fachhochschule Dortmund im Dortmunder U. So wird das Publikum selbst zum Teil einer modernen Orakelbefragung.
Bilder der Apokalypse
Zwei Holzschnitte von Lucas Cranach sowie ein Tafelbild aus dem 15. Jahrhundert verweisen auf die Apokalypse aus der „Offenbarung des Johannes“. In ein Spannungsverhältnis gesetzt sind die Kunstwerke mit Gemälden des im Stil alter Meister arbeitenden Leipziger Künstlers Michael Triegel. In seinen Werken setzt sich Triegel visionär oder auch künstlerisch-ironisch mit antik-mythologischen und christlichen Stoffen auseinander.
Am Ende der Ausstellung gerät schließlich die eigene Wahrnehmung ins Wanken. Ein Zerrspiegel von Christoph Brech greift einen Satz des Apostels Paulus auf: „Jetzt schauen wir in den Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.“ Wer hineinblickt, sieht kein verlässliches Bild, sondern eine verzogene Wirklichkeit.
An der gegenüberliegenden Wand öffnen farbige Spiralen den Blick ins scheinbar Grenzenlose. Helmut Kirchlechners „Raumzeitkreise“ verweisen auf mögliche Zugänge zur Unendlichkeit.
„Wem glauben wir?“
Jahrtausendelang hätten Orakel, Seher und Propheten Antworten auf existenzielle, religiöse und politische Fragen gegeben, erläutert Kuratorin Christiane Ruhmann. Diese Antworten seien häufig mehrdeutig oder beängstigend gewesen. Die Ausstellung stelle deshalb auch eine sehr gegenwärtige Frage: Wem vertrauen Menschen, wenn sie Orientierung suchen?
Die Schau lade dazu ein, sich kreativ und in einem geschützten Raum mit drängenden Themen der Gegenwart auseinanderzusetzen, ergänzte der Generalvikar des Erzbistums Paderborn, Michael Bredeck. Die Schau ist bis zum 31. Januar 2027 zu sehen.