Ihren wohl größten Erfolg hatten Münsters Skulptur Projekte im Jahr 2017, als die Kunst ins Wasser ging. Damals ließ die türkische Künstlerin Ayşe Erkmen einen Steg in den Binnenhafen der Stadt bauen, über den Jung und Alt „auf dem Wasser“ wandeln konnten. Tausende Menschen folgten fröhlich dieser Einladung und holten sich nasse Füße und Waden, denn der 64 mal 6,4 Meter Gittersteg war unter der Wasseroberfläche verborgen. „On Water“ hieß das Projekt, das ideell der Bosporus-Verbindung zwischen Europa und Asien in Istanbul huldigte.
Ob Kunstfreunde aus Münster und Touristen für die nächsten Skulptur Projekte im kommenden Jahr auf einen vergleichbaren Publikumsmagneten hoffen können, wird sich am 30. Juni zeigen: Dann geben die künstlerischen Leiterinnen des Kuratorinnenkollektivs „What, How & for Whom / WHW“ erste Einblicke in ihre Pläne. Ivet Ćurlin, Nataša Ilić und Sabina Sabolović sind Nachfolgerinnen des renommierten Ausstellungsmachers Kasper König (1943-2024). Er hatte gemeinsam mit dem damaligen Direktor des Westfälischen Landesmuseums, Klaus Bußmann, die Ausstellung zu Kunst im öffentlichen Raum in Münster ins Leben gerufen. Daraus gingen schließlich im Zehn-Jahres-Rhythmus die Skulptur Projekte hervor.
Kuratorinnen-Trio kommt aus Kroatien und arbeitete zuletzt in Wien
Die drei Kuratorinnen aus Zagreb, die von 2019 bis 2024 die künstlerische Leitung der Kunsthalle Wien innehatten, arbeiten bereits seit 27 Jahren zusammen. Über das Studium der Kunstgeschichte lernten sie sich in der Hauptstadt der Republik Kroatien nach den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien kennen. Ihre gemeinsame Liebe zu Büchern und Literatur befeuerte ihr erstes Ausstellungsprojekt zum „Kommunistischen Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels. 2000 organisierten sie in Zagreb eine Themenschau mit Künstlern aus allen Teilen Ex-Jugoslawiens. Sie thematisierte drei zentrale Fragen des Werks nach dem Was, Wie und für Wen von Wirtschaftsorganisation und Kunstproduktion. Daraus entstand der Name ihres Kollektivs: „What, How & for Whom“.
Hermann Arnhold, Direktor des gastgebenden LWL-Museums für Kunst und Kultur in Münster, hebt die soziale und politische Bedeutung der Kunst hervor. „Es gibt eine neue Künstlergeneration, und sie wurde aufgefordert, sich intensiv mit der Stadt zu beschäftigen, auch mit den Außenbezirken“, sagt er zur Arbeit des Kuratorinnen-Teams. Der Landschaftsverband Westfalen-Münster (LWL) ist mit der Stadt Münster größter Förderer des Großprojekts. Auch die Kulturstiftung des Bundes, das Land Nordrhein-Westfalen sowie Sponsoren fördern die Ausstellung. Für die vergangene Ausgabe 2017 betrug der Gesamtetat 7,7 Millionen Euro.
Hitzige Lesebriefdebatte über kinetische Plastik von George Rickey
Ziel der Gründer der Skulptur Projekte war es einst, das beschauliche Münster mit modernen Skulpturen und Plastiken vertraut zu machen. So war 1975 der geplante Ankauf von George Rickeys kinetischer Skulptur „Drei rotierende Quadrate“ in der Stadt auf große Empörung gestoßen. In den Leserbriefdebatten hieß es damals: „Ich finde das Wibbeldings blöde“ oder „Sollten lieber einen Kiepenkerl aufstellen“ - nachzulesen im 2017 erschienenen Buch „Skulpturen-Geschichten“. Auch das für die erste Ausstellung entstandene Werk aus drei Meter hohen Stahlplatten von Richard Serra (1938-2024) auf dem heutigen Schlossplatz provozierte ähnliche Entrüstung sowie zehn Jahre später dessen 24 Tonnen schwere Skulptur „Trunk“.
Doch in manchem Fall wandelten sich Ablehnung und Fremdeln über die Ausstellungsjahre hinweg in Zuneigung und Stolz. Das beste Beispiel sind die „Giant Pool Balls“ des schwedisch-amerikanischen Bildhauers Claes Oldenburg (1929-2022). Anfangs als „Atomeier“ verspottet, wurden sie zum touristisches Merkmal am innerstädtischen Aasee. Die meisten Werke sind zwar nur einen Sommer lang zu sehen, einige werden aber auch angekauft. Auf Initiative der Stadtgesellschaft wurde zuletzt 2017 die Brunnenskulptur „Sketch for a Fountain“ der US-Amerikanerin Nicole Eisenman für Münster gesichert.
Positives Echo auf Umsonst-und-draußen-Veranstaltung
Bei einer klassischen Umsonst-und-draußen-Veranstaltung können Besucherzahlen nur geschätzt oder vom Katalogverkauf und Fahrradverleih hochgerechnet werden: Rund 650.000 Menschen sollen es bei der vergangenen Skulptur Projekte gewesen sein, als 35 Projekte von insgesamt 41 Künstlern aus 19 Ländern im Stadtgebiet zu sehen waren. Die Pressestimmen waren positiv. „Münster fliegen die Sympathien zu“, war etwa im Berliner „Tagesspiegel“ zu lesen.