Ein elektrischer Stuhl. Ganz allein für sich. In zehnfacher Ausführung und in unterschiedlichen Pastellfarben. Die Siebdruckreihe „Electric Chair“ von Andy Warhol (1928-1987) aus dem Jahr 1971 ist in der Modernen Galerie des Saarlandmuseums in Saarbrücken zu sehen. Das Motiv werde sofort mit Tod und staatlicher Gewalt verbunden, erläutert Museumsdirektorin Lisa Felicitas Mattheis. Durch die Pastellfarben bekomme es aber etwas Verspieltes. Vorlage war ein Pressefoto aus dem Jahr 1953 aus dem Hinrichtungsraum des Sing-Sing-Gefängnisses in New York. „Warhol zeigt nicht den Moment des Todes, sondern nur den medial verbreiteten Ort staatlicher Tötung“, heißt es im Objekttext.
Unter dem Titel „Andy Warhol. Ikonen“ sind bis zum 18. Oktober rund 120 Arbeiten, darunter fünf vollständige Werksätze, zu sehen. Sie zeigen, was Warhols künstlerisches Schaffen laut Mattheis auszeichnet: Serialität, Wiederholung und leichte Variation. Die Siebdrucke, Zeichnungen und Druckgrafiken decken eine Spanne von Mitte der 1950er Jahre bis zu seinem Todesjahr 1987 ab. Seine ersten Bleistift- und Tuschezeichnungen zeigen etwa seine Auseinandersetzung als Werbegrafiker mit Mode, aber auch verspielte Motive wie Engelsfiguren. Ab 1962 hat er laut Mattheis angefangen, mit Siebdrucken zu experimentieren. Und wurde dadurch der Warhol, der heute bekannt ist.
Silber als Symbol für Raumfahrt und Fortschritt
Geboren in Pittsburgh als Sohn einer ruthenisch-katholischen Einwandererfamilie aus der heutigen Ostslowakei, sei er mit byzantinisch-katholischen Ikonen aufgewachsen, erläutert die Museumsdirektorin. Dementsprechend fänden sich in seinen ersten Bleistift- und Tuschezeichnungen immer mal wieder Goldelemente. In späteren Werken habe er anstelle von Gold mit Silber als Farbe gearbeitet - geprägt vom Raumfahrtzeitalter und dem Gedanken von Fortschritt. Ein Beispiel dafür ist ein Selbstporträt auf silberbeschichteten Papier aus dem Jahr 1967.
„Andy Warhol hat nicht nur zu einem Zeitpunkt an einem Motiv gearbeitet“, betont Mattheis. Vielmehr habe er es Jahre später wieder aufgegriffen. Ein Beispiel dafür ist das bekannte Porträt der Schauspielerin Marilyn Monroe. 1962 habe er ein erstes Bild erstellt, 1967 den zehnteiligen Werksatz und im Jahr 1981 noch einmal ein Werbemotiv, erläutert die kunst- und kulturwissenschaftliche Vorständin der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Auch die Porträtreihe über den früheren chinesischen Staatschef Mao Zedong ist zu sehen.
Interesse an dem Bild der Öffentlichkeit
„Andy Warhol war fasziniert von Berühmtheit - ihrer Strahlkraft ebenso wie ihrer Künstlichkeit“, erklärt die Stiftung. Die von ihm aufgegriffenen Gesichter seien keine privaten Menschen, sondern durch Medien geformte und millionenfach reproduzierte Bilder. „Warhol interessiert nicht die Person hinter dem Porträt, sondern das Bild, das die Öffentlichkeit von ihr besitzt“, hieß es. Das Gesicht werde zur Oberfläche, zur Maske, zum Logo.
Die Ausstellung ist in mehrere Abschnitte aufgeteilt. Der erste Teil greift seine Biografie und erste Werke auf, danach folgen die Star-Porträts und Alltags-Ikonen wie die Campbell's Suppendose. Unter der Überschrift „Death and Disaster“ ist neben dem elektrischen Stuhl unter anderem auch eine Art Dokumentation über das Attentat auf US-Präsident John F. Kennedy zu sehen: Die Mappe „Flash - November 22, 1963“ umfasst elf Siebdrucke sowie Textseiten, die an Nachrichtenticker erinnern.
Renaissance und Mythos
Im Bereich „Kunst über Kunst“ sind Werke zu sehen, in denen Warhol andere Kunstwerke aufgriff - etwa aus der Renaissance von Leonardo da Vinci oder Sandro Botticelli. Dabei setzt er laut Mattheis Ausschnitte in Szene, die normalerweise übersehen werden. Auch mit Edvard Munch habe er sich auseinandergesetzt und 1984 eine 15-teilige Serie veröffentlicht. Eines der Werke, „Der Schrei“, ist auch in Saarbrücken zu sehen. Den Abschluss bildet unter anderem eine Auseinandersetzung mit dem US-amerikanischen Mythos: Zu sehen sind Porträts von „Uncle Sam“ und der Hexe aus dem Zauberer von Oz.