Es ist Samstag am späten Nachmittag. Annemiek und Art aus Haarlem in den Niederlanden stehen in einem großen Gemeindesaal im Essener Stadtteil Fulerum an der Grenze zu Mülheim. Angelockt hat sie ein Bericht über die diesjährige Manifesta in einer niederländischen Zeitung. Mit zehn anderen Teilnehmern ist das Paar nun zu Gast in der „Sacred Kitchen“, der heiligen Küche, in der sich Kochabend und Improvisationskunst verbinden.
Organisiert und geplant wurde das Projekt, das insgesamt aus drei Abenden besteht, von der Essener Künstlerin Beate Gärtner in Zusammenarbeit mit drei internationalen Gastkünstlerinnen. Die Ukraine und Peru sollen am 11. und 18. Juli im Mittelpunkt stehen. An diesem Nachmittag ist es Südkorea.
Die Musikerin und Improvisationskünstlerin Sung Mi Marina Kim hat ihr Lieblingsrezept mitgebracht, das sie mit den Teilnehmern kochen möchte: Bibimbap, ein koreanisches Reisgericht mit viel Gemüse, Tofu und Gochuchang, einer koreanischen Chilipaste. Dafür steht mitten im Raum ein Tisch mit großen Schüsseln voll mit Paprika, Zucchini, Möhren, Champignons und Frühlingszwiebeln, die noch geschnitten werden müssen. In der angrenzenden Küche stehen Töpfe, Pfannen und Woks bereit. Doch bevor gekocht wird, gibt es Musik.
Musikalische Improvisation und Klangcollagen
Sung Mi Marina Kim spielt auf ihrer Bratsche und macht Musik mit Alltagsgegenständen, etwa mit einer knisternden Plastiktüte oder Deckeln von Marmeladengläsern. Die Geräusche nimmt sie mit einer sogenannten Loopstation auf. Diese spielt die aufgenommenen Geräusche immer wieder ab und legt sie übereinander. Dazu animiert die Künstlerin die Gruppe, sich frei durch den Raum zu bewegen. Sie ruft Zahlen zwischen eins und zehn, je nach Höhe der Zahl sollen sich alle schneller oder langsamer bewegen. Annemiek, Art und die anderen haben sichtlich Spaß. Bei einer eins bewegen sich alle in Zeitlupe, als die neun aufgerufen wird, rennen sie wild durcheinander, weichen sich gegenseitig aus und lachen. Am Ende rufen alle selbst Zahlen in den Raum und sprechen oder singen ins Mikro der Loopstation. So entsteht eine Klangcollage.
Nach der Improvisation folgt eine kurze Umbaupause, in der Tische zu zwei langen Tafeln in V-Form aufgestellt werden. Annemiek erzählt in der Pause, warum Art und sie sich für diese Veranstaltung entschieden haben. „Wir essen sehr gerne Koreanisch und haben in den Niederlanden versucht, koreanische Kochworkshops zu finden. Diese wurden wegen zu weniger Anmeldungen aber immer abgesagt.“ Als sie auf das Programm der Manifesta mit einem koreanischen Kochabend gestoßen seien, hätten sie nicht lange überlegen müssen, auch wenn sie nicht genau wussten, was sie erwartet.
Schnippeln, anbraten, plaudern
Nach dem Umbau bilden die Teilnehmer, unter ihnen südkoreanische Kunststudentinnen der Folkwang Universität, eine ältere Dame und ihre Freundin sowie ein junges Paar Zweiergruppen, um das Gemüse zu schneiden. In der kleinen Küche braten Einzelne mit Sung Mi Marina Kim das Gemüse an, für alle reicht der Platz nicht aus. Die übrigen unterhalten sich über ihr Leben, über Kunst oder über ihre Lieblingsmahlzeiten. Die Stimmung ist entspannt und ausgelassen.
Es dauert nicht lange, und es riecht nach Knoblauch und frisch bereitetem Essen. Erst genießt jeder schweigend seine Portion Bibimbap. Doch bald entwickelt sich ein Gespräch mit den Südkoreanern in der Gruppe über koreanische Esskultur, über die Authentizität des Bibimbap und über Gerichte, die je nach Region anders schmecken, weil in Südkorea jede Region andere kulinarische Vorlieben hat.
Nachtisch für die Ohren
Zum Abschluss hat die Künstlerin Sung Mi Marina Kim einen Nachtisch vorbereitet, allerdings nicht für den Gaumen, sondern für die Ohren. Die Teilnehmenden machen Musik aus dem Müll, der im Laufe des Abends produziert wurde, mit den Topfdeckeln, Besteck, Gläsern und den Stühlen, auf denen eben alle noch saßen. Kim spielt dazu ihr Instrument. Es geht wild los, jeder spielt durcheinander, doch mit der Zeit beginnen die Teilnehmenden aufeinander zu hören, sich im Rhythmus anzupassen. Damit endet der Abend, alle klatschen.
Für Art und Annemiek hat sich die Reise nach Essen-Fulerum zur Manifesta gelohnt. „Es war wirklich überraschend. Die Leute waren offen, wir haben zusammen Spaß gehabt. Dazu das leckere Essen und gemeinsame Kochen - es war Essen für die Seele“, fasst Art den Abend zusammen. Er und Annemiek haben auf ihrer Reise auch andere Orte der Manifesta besucht, unter anderem die St. Ludgerus Kirche in Bochum mit einer Klanginstallation aus Basketballkörben und Klaviersaiten. Bei jedem Korbtreffer ertönt Musik. „Das hat so viel Spaß gemacht. Dadurch haben wir den heutigen Tag mit Musik angefangen und beenden ihn mit Musik und mit einem Lächeln auf den Lippen.“