Der Trailer zeigt monumentale, düstere, dramatische Bilder: „Die Odyssee“ (Start 16.7.) lässt Filmfans auf ein Spektakel mit Action, mythologischen Monstern, Pathos und philosophischen Exkursen hoffen. Gedreht wurde er komplett im analogen IMAX-Format, Matt Damon gibt den Odysseus. Regisseur Christopher Nolan, erfolgreich mit Filmen wie „Inception“, „Interstellar“ und „Oppenheimer“, ist dafür bekannt, Anspruch mit Unterhaltung zu verbinden. Mit der Odyssee nimmt er sich jetzt einen Grundlagentext der westlichen Kulturgeschichte vor: „Ilias“ und „Odyssee“ von Homer gelten als Beginn der abendländischen Literatur.
Darum geht es: Nach Ende des blutigen Trojanischen Krieges möchte der griechische Held Odysseus nach Hause zu seiner Frau und seinem Sohn segeln. Doch die Heimreise wird zur zehnjährigen Irrfahrt, er muss sich gegen Zyklopen, Sirenen mit betörendem Gesang und andere Widerstände durchsetzen, ehe der König von Ithaka in eine veränderte Heimat zurückkehrt. Aufgeschrieben wurde das archaische Heldenepos circa im achten Jahrhundert v. Chr. in Griechenland. Es basiert wohl auf jahrhundertealten mündlichen Überlieferungen.
Held voller Fehler
Raimund Schulz ist Professor für Alte Geschichte an der Universität Bielefeld und beschäftigt sich schon lange mit Homers Werk, aus dem ihm sein Großvater auf langen Spaziergängen erzählte. Warum Odysseus auch heute noch modern ist, wird er häufig gefragt. „Odysseus ist ein gebrochener Held voller Fehler“, sagt Schulz im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Ein Überlebenskünstler, der scheitert, sich aber immer wieder berappelt und am Ende sein Ziel erreicht. Das verleiht ihm etwas universal Menschliches.“
Die alten Griechen und Römer, Geschichte und Mythologie inspirieren die Filmgeschichte schon lange. Das zeigt die Hochphase des Monumentalfilms der 1950er und 1960er Jahre mit „Ben Hur“, „Quo Vadis?“ und „Spartacus“. Sie ebbte erst mit „Kleopatra“ ab - der Film war trotz Elizabeth Taylor in der Titelrolle ein finanzielles Desaster. Ridley Scotts „Gladiator“ setzte 2000 einen neuen Boom in Gang, unter anderem folgten Oliver Stones „Alexander“ über Alexander den Großen, Wolfgang Petersens „Troja“ oder „300“ von Zack Snyder über den Krieg zwischen Griechen und Persern.
Vorlage für zahlreiche Verfilmungen
Auch Homers Odyssee war von der Stummfilmzeit bis heute Vorlage für zahlreiche Verfilmungen. „Was die Menschen zu Homers Zeit fasziniert hat, fasziniert uns auch heute noch“, sagt Schulz, „die fernen, exotisch wirkenden Schauplätze von Odysseus' Abenteuern, die Kämpfe mit Ungeheuern, die Begegnung mit geheimnisvollen Göttinnen, und am Ende die trickreiche Rückeroberung seiner Heimat“.
Bisher seien meist die positiven Eigenschaften von Odysseus betont worden - „als sei er eine Art Superheld“, erklärt Schulz. „So wurde er aber in der Antike gar nicht wahrgenommen. Er erobert zwar seine Heimat am Ende zurück, verliert aber bereits vorher all seine Gefährten. Er geht extrem brutal vor und nimmt einen Bürgerkrieg in Kauf.“ Zu einem Helden oder einem guten Anführer mache ihn das nicht. „Homer war sich dieser Ambivalenz bewusst, aber diese dunkle Seite von Odysseus habe ich in Filmen bisher nicht so recht wahrgenommen.“
Hat Odysseus wirklich gelebt?
Ob es die Figur Odysseus wirklich gegeben habe, sei in der Forschung umstritten. Außerhalb des Epos finde er in keiner historischen Quelle Erwähnung: „Ich gehe aber davon aus, dass es ein reales Vorbild gab, denn ohne historischen Anknüpfungspunkt ist so ein riesiges Epos nicht denkbar“, sagt der Historiker.
Der Film ist sehr prominent besetzt, mit Stars wie Tom Holland, Anne Hathaway, Zendaya, Robert Pattinson, Charlize Theron, Samantha Morton und John Leguizamo. Die schöne Helena, wegen der in der Mythologie der Trojanische Krieg geführt wird, wird gespielt von der schwarzen Oscarpreisträgerin Lupita Nyong'o, was Kritik und Hass-Kommentare hervorrief.
Schulz begrüßt hingegen die Besetzung entgegen der Stereotype: Die westliche Tradition zeichne sich gerade dadurch aus, immer wieder antike Texte und Mythologien vor dem Hintergrund aktueller Botschaften und gesellschaftlicher Bedürfnisse neu zu interpretieren: „Das gehört zum Selbstverständnis unserer Kultur. Ich sehe das als Chance, einen alten Stoff in einem neuen, reflektierten Licht zu sehen.“ Lupita Nyong'o ist in dem Film auch als Helenas Halbschwester und Königsgattin Klytaimnestra zu sehen. Zu deren Kindern zählen Iphigenie, Orest und Elektra, die in Literatur und Oper verewigt wurden.
Als Forschungsgegenstand seien die Frauen der Odyssee sehr spannend, sagt Schulz. „Nehmen wir Odysseus' Frau Penelope, die 20 Jahre lang allein das eigene Gut verwaltet und sich mit allen Tricks gegen ihre Verehrer behauptet“, erläutert der Historiker. „Wie viele Frauenfiguren in der Odyssee ist sie den Männern an Intelligenz und Widerstandsfähigkeit mindestens ebenbürtig.“