Die Unendlichkeit besteht aus Punkten. Der Eindruck kann jedenfalls beim Besuch der großen Ausstellung der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama entstehen, die ab Samstag im Kölner Museum Ludwig zu sehen ist. Spätestens in der eigens für die Ausstellung konzipierten Rauminstallation „Infinity Mirror Room“ verschmelzen alle Dimensionen zu einem Polka-Dot-Wirbel, in dem sich Grenzen und Richtungen zu einem surrealen Raumerlebnis aufzulösen scheinen.
Etwa 300 Werke aus einer Schaffensphase von rund 70 Jahren sind in der Schau „Yayoi Kusama“ bis zum 2. August im Museum Ludwig zu sehen. Schon in Zeichnungen aus ihrer Kindheit im japanischen Matsumoto tauchen die Punkte auf. Die Arbeit der heute 96-jährigen Künstlerin ist unter anderem geprägt von Erlebnissen ihrer Kindheit, darunter Halluzinationen. Darin nahm Kusama den eigenen Körper und die Umgebung von Punkten, Blüten und anderen Mustern überwuchert wahr, wie sie es beschreibt. Repetitive Elemente, die an Pflanzen, Blumen, Netze oder eben Punkte denken lassen, ziehen sich durch ihr Werk. Langeweile oder Eintönigkeit kommen dabei aber keineswegs auf.
Feminismus und Friedensaktivismus
Das Werk der Künstlerin sei auch heute „unglaublich aktuell“, sagt der Direktor des Museum Ludwig, Yilmaz Dziewio. Dabei verweist er auf Themen wie Feminismus und Friedensaktivismus. So setzt sich Kusama in ihren Werken etwa mit patriarchalen Strukturen, Geschlechterungleichheit, Sexualität auseinander. Aber auch die Natur, Unendlichkeit und der Tod spielen eine Rolle, Grenzen werden infrage gestellt und mit Illusionen gespielt.
Kusama wurde am 22. März 1929 im japanischen Matsumoto geboren. Ihre Familie betrieb ein Saatgutunternehmen. Nach Kindheit und Jugend im ländlichen, patriarchal geprägten Japan der Nachkriegszeit ging sie in den späten 1950er Jahren nach New York und erlebte die „Flower Power“-Bewegung und den Vietnamkrieg.
Dort lebte Kusama teils sehr prekär, arbeitete intensiv an ihrer Kunst, aber hatte auch mit Halluzinationen und Panik zu kämpfen. Sie war eine der wenigen Frauen, die sich in der New Yorker Avantgarde dieser Zeit durchsetzen konnte. Ihre provokanten Happenings machten Schlagzeilen, sie arbeitete immer wieder mit Nacktheit sowie penisartigen Formen und stellte sich so ihrer Abneigung gegen Sex. 1973 kehrte die Künstlerin nach Japan zurück. Seit Jahrzehnten lebt sie dort freiwillig in einer psychiatrischen Klinik.
„Königin der Liebe und Polka Dots“
Die Schau arbeitet sich chronologisch wie auch thematisch durch das vielfältige Werk der selbsternannten „Königin der Liebe und Polka Dots“. Auf Kindheitszeichnungen und Jugendbilder folgen Kusamas „Infinity Net“-Gemälde - gleichförmige Netzstrukturen aus schier unendlich vielen kleinen gemalten Elementen. Neben einem Meer aus silbrigen Kugeln steht ein überdimensionaler Kürbis. Die Frucht hat sie wegen ihrer „humorvollen Ausstrahlung“ besonders ins Herz geschlossen. Phallusartige Stoffgebilde wachsen aus Sofas und Alltagsgegenständen. Nackte junge Menschen protestieren gegen den Vietnamkrieg und für sexuelle Befreiung. Auf großen Leinwänden begegnen florale und organische Elemente kraftvollen, bunten Farben.
Auch einige düstere Bilder tauchen hier und da auf. Neben all den Farben und Formen, den Themen Teilhabe und Verschmelzung mit einem großen Ganzen spielten auch „Fragilität und Auslöschung“ eine Rolle im Werk der Künstlerin, sagt Kurator Stephan Diederich. „Ihre Kunst ist für Kusama Lebensnotwendigkeit, jedes ihrer Werke auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst“, betont er. Und so verbinden sich in der Ausstellung scheinbare Gegensätze: Heiterkeit mit existenziellen Fragen, Dekorativität und Instagram-Ästhetik mit Natur und Ängste mit Selbstermächtigung.
Kusama malt auch mit 96 Jahren noch
Die Schau ist für das Museum Ludwig ein Prestige-Projekt. 300.000 Besucherinnen und Besucher werden erwartet. Drei Millionen Euro kostet die umfangreiche Ausstellung, die sich über den gesamten Bereich der Wechselausstellung und darüber hinaus erstreckt. Mit der Ausstellung feiert das Museum sein 50-jähriges Bestehen. Sie wird in Kooperation mit der Schweizer Fondation Beyeler und dem Stedelijk Museum Amsterdam gezeigt.
Kusama arbeite auch mit 96 Jahren noch weiter, sagte Takako Fujibayashi, die Direktorin des Yayoi Kusama Studios. „Es gibt keine Zeit zu verschwenden“, lasse sie ausrichten.