Amazonien jenseits der Klischees: Bonn zeigt Perspektive Indigener
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Bundeskunsthalle stellt Lebensraum Amazonas vor
Bonn (epd).

„Wir haben immer nackt gelebt“, heißt es in dem Video über die Baniwa, ein Volk am brasilianischen Rio Negro. Zugleich wird diese Behauptung widerlegt: Ein junger Mann in einem Sport-Trikot ist zu sehen. „Wir leben abgeschieden“, lautet die Aussage zu Bildern junger Menschen mit Smartphone und Laptop. „Und wir essen mit den Händen“, wird behauptet, während ein Junge mit einem Löffel aus einer Schale isst. Mit diesem Video stellt die Bundeskunsthalle gleich zu Beginn der großen Schau über die Kultur Amazoniens klar: Hier werden Klischees hinterfragt.

Die Ausstellung „Amazônia. Indigene Welten“ hat sich vorgenommen, einen neuen Blick auf die Region zu werfen. Sie befasst sich kritisch mit der gängigen westlichen Vorstellung einer exotischen, von der modernen Welt abgekoppelten Gesellschaft, die den dortigen indigenen Völkern anhaftet. Die Schau setze sich bewusst ab von der Vorstellung eines riesigen Urwalds, der von „Indianerinnen“ und „Indianern“ bevölkert werde, die dort zeitentrückt lebten, sagt Leandro Varison. Er ist Ausstellungskurator und Anthropologe am Pariser Musée du quai Branly - Jacques Chirac, dem Kooperationspartner der Bundeskunsthalle für dieses Projekt.

„Diese Ausstellung nähert sich dem Thema vor allem aus der Perspektive der indigenen Gemeinschaften und verleiht somit den Völkern Amazoniens eine neue Stimme“, betont die Intendantin der Bundeskunsthalle, Eva Kraus. Zu sehen sind bis zum 9. August rund 400 Exponate. Darunter sind neben zahlreichen Objekten aus archäologischen und ethnologischen Sammlungen auch Gegenstände aus aktueller indigener Produktion. Sie stammen zum großen Teil aus der Sammlung des Musée du quai Branly sowie von Vertreterinnen und Vertretern indigener Gruppen. Die Schau präsentiert zudem Werke zeitgenössischer indigener Künstlerinnen und Künstler.

Einblick in die wenig bekannte kulturelle Vielfalt Amazoniens

Die Ausstellung präsentiert Amazonien als eine in jeder Hinsicht vielfältige Region. Das Gebiet, das anteilig auf dem Gebiet von neun Staaten liegt, besteht nicht nur aus Urwald, sondern auch aus Bergland, Savannen, Sümpfen oder Palmenhainen. Und es gibt große Städte. Die Ausstellung beleuchte aber nicht in erster Linie die biologische Artenvielfalt Amazoniens, sondern den weniger bekannten kulturellen Reichtum dieser Region, sagt Varison. Er kuratierte die Schau gemeinsam mit Denilson Baniwa, einem Künstler und Aktivisten für die Rechte der brasilianischen Indigenen.

Zur Zeit der Invasion durch die Europäer seien in dem Gebiet nach Schätzungen über eine Million Sprachen gesprochen worden. Heute gibt es noch rund 300 eigenständige Sprachen und rund 350 indigene Völker. Unter ihnen seien auch Gemeinschaften, die sich bewusst von der Welt der Weißen abschotteten, sagt Varison. Andererseits gebe es aber auch Völker, die in die globale Welt integriert seien. So sei eine Reihe von indigenen Künstlerinnen und Künstlern in der internationalen Kunstszene vernetzt.

Auch indigene Gemeinschaften, die ihre Traditionen pflegten, verharrten nicht statisch in der Vergangenheit, betont der Anthropologe. Dennoch verbinde die Völker eine gemeinsame Weltsicht, die sich von der westlichen Haltung unterscheide. So entwickelten sie etwa eine Nutzung des Waldes, die die biologische Diversität organisiert und damit eine große Nahrungsmittelvielfalt gewährleistet. Auch die Auffassung vom Menschsein weiche deutlich von der westlichen Auffassung ab. So sähen sie die Geburt nur als Beginn eines langen sozialen Prozesses, der den Menschen zu einem „echten Menschen“ macht, etwa durch Übergangsriten oder schamanische Praktiken.

Trotz aller Bedrohungen: Indigene Völker bewahrten ihre Identität

Die Bedrohung Amazoniens durch Umweltzerstörung steht nicht im Zentrum der Bonner Ausstellung, wird aber auch nicht ausgespart. So thematisiert die indigene Künstlerin Uyra Sodoma in ihren Fotografien die Verschmutzung und Zurückdrängung der Natur. Sie posiert behängt mit Laub und Muscheln inmitten des Mülls der verschmutzten Wasserläufe, die durch die Stadt Manaus fließen. Oder sie fotografiert die Pflanzen, die über die Leitplanken von Straßen durch den Urwald wuchern und so gleichsam ihr Terrain zurückerobern.

Die indigene Kultur hat zahlreiche Katastrophen überlebt - von der Kolonialisierung bis zur Zerstörung eines Teils ihres Lebensraums. Obwohl viele Völker ausgerottet wurden, gelang es anderen, ihre Traditionen zu bewahren und nach der drohenden Auslöschung wieder zu wachsen. „Trotz aller Bestrebungen, sie zu unterwerfen und zu assimilieren, ist es ihnen gelungen, ihre Identitäten, ihr Wissen und ihre tiefen Verbindungen zu ihren Lebensräumen zu bewahren“, stellt Varison fest. Von ihren Strategien, im Einklang mit ihrer Umwelt zu leben, könnte die westliche Welt lernen.

Von Claudia Rometsch