"Drachen - Mythos und Wirklichkeit" in Darmstadt
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Ausstellung über Drachen im Hessischen Landesmuseum Darmstadt.
Darmstadt, Köln (epd).

Der britische Schauspieler Benedict Cumberbatch kriecht und windet sich auf dem Boden. Auf dem Bildschirm ahmt die digitale Grafik eines Skeletts die Bewegungen nach, es wächst zu einem furchterregenden Wesen - dem Drachen Smaug. Ein Kurzfilm führt das Werden des Untiers in J.R.R. Tolkiens Romanverfilmung „Der Hobbit“ vor. Die Designer hätten sich an Fledermäusen, Raub- und Flugsauriern als Vorbild orientiert, schildert die Ausstellung „Drachen - Mythos und Wirklichkeit“. Die in Zusammenarbeit mit dem Museum Schnütgen und dem Museum für Ostasiatische Kunst in Köln konzipierte Ausstellung ist bis zum 17. Januar im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt zu sehen, ab dem 4. März dann in Köln.

Drachen sind in Mode. In einem in der Schau angedeuteten Kinderzimmer stehen in einem Ikea-Regal Figuren, Bilderbücher, CD-ROMs, Bücher, Spiele - alles mit und über Drachen. Die Ausstellung beginnt in der Gegenwart und führt dann durch Jahrtausende menschlicher Vorstellungskraft in Europa und Ostasien bis zur Entzauberung der Drachen im 18. Jahrhundert und ihrer Wiedergeburt in der Fantasy-Kultur des 20. Jahrhunderts. 170 Kunstwerke von der Antike bis zur Gegenwart veranschaulichen diese Vorstellungen. Fossilien, Präparate und Modelle zeigen reale Tiere, die an Drachen erinnern können.

Nur Helden konnten die Drachen besiegen

Eine rote Drachenfigur auf einem Felsen, das Maul aufgerissen und eine Pranke ausgestreckt, empfängt zu Beginn die Besucher. Florian Schäfer habe 2026 eine Federzeichnung von Ludwig Schongauer aus dem 15. Jahrhundert als Modell umgesetzt, erläutert Kurator Thomas Foerster. Die ungemütliche Figur verweist auf die Deutung von Drachen in Europa seit der Antike. Schon in den griechischen Sagen brauchte es einen Helden wie Herakles, um die drachenähnliche Hydra zu besiegen. Eine korinthische Schale aus dem 6. Jahrhundert vor Christus bildet in der Schau die Heldentat ab.

Die Römer machten sich das furchterregende Symbol zunutze: In der Ausstellung ist das einzige erhaltende Exemplar einer „Draco“-Reiterstandarte aus dem 3. Jahrhundert nach Christus zu sehen. Der bronzene Drachenkopf mit einem zähnefletschenden, wolfsähnlichen Maul wurde 1966 bei Neuwied gefunden. Im Mittelalter wandelte sich der Drache zum Symbol des Bösen schlechthin, wie Kuratorin Carina Koch erklärt.

Biblisch findet sich diese Deutung in der Offenbarung des Johannes (12,9), in der „der große Drache, die alte Schlange“ Teufel und Satan genannt wird. Auf Gemälden und als Skulpturen ist zu sehen, wie der Erzengel Michael, der Heilige Georg, Martha oder die Heilige Margareta einen Drachen besiegen. Die männlichen Recken gebrauchen erfolgreich eine Lanze, so wie Michael auf dem Niedererlenbacher Altar von 1497. Die tapfere Dame schafft es grazil mit einem Kreuzzeichen, so malt Jan Rombouts der Ältere im 16. Jahrhundert ein Altarbild.

Geheimnisvoller Lindwurmschädel

Handfeste Nahrung erhielt der Drachenglaube im österreichischen Klagenfurt: Dort wurde 1355 im Sumpf ein „Lindwurmschädel“ gefunden, der größer war als jeder bekannte Tierschädel und der in der Schau zu sehen ist. 505 Jahre später wurde der Lindwurm als Wollhaarnashorn identifiziert, das vor 300.000 bis 200.000 Jahren lebte. Doch noch zu Beginn der Neuzeit ging man in Europa von der Existenz von Drachen aus: Conrad Gessner versammelte 1589 in seinem in Frankfurt am Main erschienenen „Schlangenbuch“ umfassend die Berichte über die Monstergestalten seit der Bibel und der griechischen Antike.

Ganz anders hingegen war die Deutung von Drachen in China, Korea und Japan, wie die Kuratorin Carina Koch erläutert. Der Drache dort sei eine gute Macht, die die Natur im Gleichgewicht halte, er bringe Regen und Fruchtbarkeit. Seit dem 5. Jahrtausend vor Christus gebe es in chinesischen Gräbern Darstellungen eines geschuppten, krokodilähnlichen Wesens, ab dem 3. Jahrtausend mit Flügeln. Eine mehrere Meter lange Stellwand aus dem 17. Jahrhundert in Japan zeigt in Tusche auf Papier, wie ein Drache und ein sich duckender Tiger sich anblicken. Eine chinesische Seidenrobe aus dem frühen 20. Jahrhundert, Tracht von hohen Adeligen, ist auf dunkelrotem Grund mit Drachen als Glückssymbol bestickt.

Flugdrache aus Indonesien ist 10 Zentimeter groß

Es ist erst Carl Linné, der mit seiner Systema Naturae von 1758 in Stockholm mit den Drachenwesen aufräumt und ihnen die Aufnahme in das Verzeichnis der gesicherten Lebewesen verweigert, wie Kurator Dominik Hennhöfer erklärt. Präparate und Modelle von Tieren wie dem Komodo-Waran oder der Königspython zeigen, was es wirklich an drachenähnlichen Tieren gibt. Das einzige existierende Tier, das das Wort Drache im Namen führt, ist in der Ausstellung als Präparat zu sehen: Der „draco volans“, ein „Flugdrache“ aus Indonesien, ist gerade einmal zehn Zentimeter lang, hat vier zierliche Gliedmaßen und schmetterlingsähnliche Flügel.

Von Jens Bayer-Gimm (epd)