Zu später Stunde, im Café, denkt der Maler Jörg Immendorff in der Phase des tiefsten Kalten Krieges an Deutschland. Er sieht den Bundeskanzler Helmut Schmidt und den DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker an der Zukunft malen, sieht den Dichter Heinrich Heine grübeln, Huren tanzen, und streckt selbst seine Hand durch die noch geschlossene Mauer zwischen Bundesrepublik und DDR. Wildes Leben im „Café Deutschland“. So heißen mehrere monumentale Gemälde von Immendorff, die von Freitag an bis 10. Januar in der Ausstellung zum Lebenswerk des Malers im Düsseldorfer Kunstpalast zu sehen sind.
Jörg Immendorff (1945-2007) hatte viele Gesichter: Er war Provokateur und akribischer Maler, linker Politiker, selbst ernannter Malerfürst, Talkshow-Gast. Er wurde der Porträtmaler von Bundeskanzler Gerhard Schröder und war in Düsseldorf eine bekannte Figur. Die Boulevard-Presse befasste sich bereits vor 2003 gerne mit Immendorff, dem Jahr, als er mit Prostituierten und Kokain in einem Düsseldorfer Luxushotel gefunden und später wegen Drogenbesitzes zu einer Geldstrafe und Haft auf Bewährung verurteilt wurde. In einem Bild, das an den französischen Karikaturisten Honoré Daumier erinnert, setzt sich der Maler mit diesem Skandal und dem vielstimmigen Chor der Kritiker auseinander.
Kunst als Nahrung
Immendorff war aber auch bodenständig: eine aus Holz geschnitzte Kartoffel stellt als eine der kleinsten Skulpturen diese Seite dar. „Menschen brauchen Kunst wie Kartoffeln als tägliche Nahrung“, zitiert Kuratorin Felicity Korn Immendorffs Motto. 1945 im niedersächsischen Bleckede geboren, besuchte Immendorff als Internatsschüler ein Bonner Gymnasium. Mit 19 Jahren begann er an der Kunstakademie in Düsseldorf zunächst Bühnenbild zu studieren. Davon hat er die Gestaltung großer Räume beibehalten.
Danach wurde Josef Beuys sein prägender Lehrer. „Wie bei Beuys verschmelzen bei Immendorff Künstler und Kunstwerk komplett ineinander, sie sind nicht zu trennen, und die meisten ihrer Werke sind politisch“, sagt Co-Kuratorin Westrey Page. Auch der Verweis auf sich selbst in eigenen Werken verbindet beide. Ähnlich wie Beuys hat sich Immendorff oft selbst als Hauptfigur in seine Bilder gesetzt.
Der Affe als Hofnarr und Namensgeber für eine Strandbar
In seiner Beschäftigung mit sich war Immendorff aber nicht immer so humorlos, wie er auf manchen der großformatigen Fotos in der Ausstellung erscheinen mag. In der Phase seines künstlerischen Durchbruchs, in den 1980er Jahren, wählte Immendorff die Figur des Affen als alter Ego. „Wenn er sich selbst unter anderem als Malerfürsten gesehen hat, so wurde der Affe sein Hofnarr“, sagt Page.
Mit dem Affen war Immendorff auch in der Stadt Düsseldorf präsent, schuf Affenskulpturen auch für den öffentlichen Raum. Monkey's Island, Affeninsel, nannte er auch seine Strandbar am Rhein, die er in Nähe des heutigen Medienhafens eröffnete. Gespräch, Kommunikation und sinnliches Leben wollte er nicht nur auf seinen Bildern darstellen, sondern auch in die Stadt bringen.
Was seine Bilder bis Mitte der 1990er Jahre nicht unbedingt zeigen, beschreiben die Kuratorinnen aber als einen Wesenszug von Immendorff als Mensch und Künstler: Er sei sehr bereit gewesen, Kritik zu hören und umzusetzen. Bei einer Ausstellung im Kölner Museum Ludwig etwa habe er sich selbst der Kritik ausgesetzt und das Publikum aufgefordert, kritische Anmerkungen zu seiner Arbeit zu machen.
Künstlerische Arbeit trotz schwerer Krankheit
Ein starker Wandel in seinem Stil tritt Mitte der 1990er Jahre ein: Immendorff erkrankt an dem unheilbaren Nervenleiden ALS. Zunächst malt er noch selbst, aber ruhiger, poetischer. Das Bild einer Schwangeren, das er seiner Frau und Künstlerin Oda Jaune schenkt, zeugt davon und ist in Düsseldorf zu sehen. Es stammt aus dem Nachlass und war nach Angaben des Museums bisher kaum öffentlich ausgestellt.
In seinem Atelier beauftragt Immendorff nach dem Jahr 2000 Assistentinnen und Assistenten, die nach seinen Angaben malen. „Er konnte dabei durchaus unfreundlich und kritisch sein“, berichten die Kuratorinnen. Ein Werk aus dieser Phase hat dabei auch altmeisterliche Züge. Das „Selbstportrait nach dem letzten Selbstportrait“ entstand 2007, im Jahr seines Todes mit 62 Jahren. Die Skizze zum Kanzlerporträt von Gerhard Schröder ist auch eines dieser Spätwerke. Da das Porträt selbst, das Schröder umrahmt von in einer goldenen Fläche zeigt, vom Kanzleramt nicht ausgeliehen wurde, erinnert diese Vorarbeit an Immendorffs staatlichen Auftrag und seine Freundschaft zum damaligen Kanzler.