Eine Heiratsvermittlung bahnt Morde an, eine Butlerschule bildet Spionage-Fachleute aus und in einem Hotel werden Wissenschaftler gefangen gehalten. Nirgendwo sonst wurde so britisch-skurril spioniert und gemordet wie in der Kultserie „Mit Schirm, Charme und Melone“. In Deutschland waren die Geschichten rund um die Agenten John Steed (Patrick Macnee) und Emma Peel (Diana Rigg) ein Riesenerfolg. Vor 60 Jahren, am 18. Oktober 1966, ging die britische Serie mit der Folge „Die Roboter“ im ZDF auf Sendung.
„Mit Schirm, Charme und Melone“ war ein „surreales Pop-Märchen im Spionagemilieu“ schreibt Autorin Franziska Fischer in ihrem Buch „Mrs. Peel, wir werden gebraucht!“. Die Serie habe in Deutschland Einschaltquoten von rund 55 Prozent erreicht. Sie wurde weltweit zu einem der erfolgreichsten britischen Fernsehformate. Und Schauspielerin Diana Rigg machte die emanzipierte und schlagfertige Emma Peel zur internationalen Fernsehikone.
Deutschland im „Emma Peel- und John Steed-Fieber“
Als Rigg und Patrick Macnee im Sommer 1967 während einer Deutschlandtour am Düsseldorfer Flughafen eintrafen, lösten begeisterte Fans ein Chaos aus. Während der Tour traten die beiden auch in Peter Frankenfelds ZDF-Show „Vergißmeinnicht“ auf. Ganz Deutschland sei im „Emma Peel- und John-Steed-Fieber“ gewesen, erinnerte sich später Joachim Tettenborn, einstiger Redaktionsleiter für das Fernsehspiel beim ZDF.
Ein Auftrag kam bei Emma Peel niemals auf gewöhnlichem Weg an. Mal leuchtete „Mrs. Peel, wir werden gebraucht“ an einer Ampel auf, mal stand die Botschaft als Schlagzeile in der Zeitung, mal steckte sie auf einer Karte an der Spitze eines Degens. Als Waffen setzte der stets tadellos gekleidete britische Geheimagent Steed seinen Schirm und seine stahlverstärkte Melone ein. Emma Peel legte ihre Gegner mit Karateschlägen aufs Kreuz.
„Swinging London“ in deutschen Wohnzimmern
Mit dem leicht snobistischen Steed und der immer in neuester Mode gestylten Mrs. Peel zog ein Hauch des „Swinging London“ in die deutschen Wohnzimmer ein. Die Serie präsentierte in den 1960er Jahren eine selbstbewusste, emanzipierte Frau, ein spleeniges Großbritannien - und bot die Flucht aus einer Welt des Kalten Krieges.
Nach jeder Folge durchstreiften Frauen die Läden auf der Suche nach der neuesten Peel-Mode. Designer entwarfen eigens für die Serie neue Outfits. Modehit wurde der sogenannte „Emmapeeler“, der eng anliegende einteilige Kampfanzug.
Emma Peel - ein neues Frauenbild
Ihr Name soll auf die Forderung der Produzenten zurückgehen, die neue Figur müsse „M-Appeal“, also „man appeal“, besitzen. Aus „M-Appeal“ wurde Emma Peel. Der Name steht für ihre Wirkung auf Männer. Zur Identifikationsfigur wurde Emma Peel jedoch für viele Frauen. Sie zeigte Mitte der 1960er, wie eine moderne Frau auftreten konnte: selbstständig, schlagfertig, körperlich überlegen und modisch ihrer Zeit voraus. Dieses Frauenbild war allerdings zunächst gar nicht als feministisches Programm geplant.
Begonnen hatte die Serie 1961 in Großbritannien mit einem Männerduo. Der Arzt David Keel (Ian Hendry) suchte die Mörder seiner Verlobten und wurde dabei von Geheimagent John Steed unterstützt. Daraus erklärt sich der Originaltitel „The Avengers“ („Die Rächer“).
Rolle zunächst für einen männlichen Partner geschrieben
Als nach Hendrys Ausstieg später eine Frau an Steeds Seite trat - zunächst Honor Blackman in der Rolle von Cathy Gale - wurden die für einen männlichen Partner geschriebenen Drehbücher nur leicht angepasst. So entstand eine für das damalige Fernsehen ungewöhnlich selbstständige und körperlich wehrhafte Frauenfigur.
Von den sechs Staffeln der Originalserie zeigte das ZDF zunächst ausgewählte Folgen der vierten und fünften Staffel - die Episoden, in denen Gales Nachfolgerin Emma Peel auftrat. Trotz des Erfolges wurde die ambitionierte Theaterschauspielerin Rigg der TV-Produktion bald überdrüssig. Es gab noch eine Nachfolgerin, 1969 endete dann die Originalserie.
Gastspiele bei James Bond
Ein Wiedersehen mit den Darstellern gab es in den James-Bond-Filmen. Diana Rigg schrieb Filmgeschichte als einzige Frau, die James Bond aus Liebe heiratet: in „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ von 1969. Honor Blackman spielte bereits in „Goldfinger“ eine Bond-Gegenspielerin, Patrick Macnee in „Im Angesicht des Todes“ einen Chauffeur - ganz in Steed-Manier.
Die Neuauflage „The New Avengers“ aus den 1970er Jahren und der Kinofilm von 1998 konnten den Zauber der Kultserie nicht zurückholen. Was fehlte, war nicht allein Diana Riggs Emma Peel. Es fehlte auch die historische Konstellation, in der Pop, Mode, Emanzipation und britischer Unsinn so mühelos zusammenfanden. Während draußen der Kalte Krieg für viele Menschen bedrohlich war, leisteten sich Steed und Peel den Luxus, die Wirklichkeit nicht allzu ernst zu nehmen.