Zuflucht Kirchenasyl: Die Odyssee einer Aktivistin aus Myanmar
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Kirchenasyl
Bielefeld (epd).

„Die Menschen hier sind sehr gut zu mir“, sagt Ja Min. In ihrer kleinen Wohnung in Bielefeld fühlt sich die 30-Jährige aus Myanmar endlich sicher. Jahrelang war die politische Aktivistin auf der Flucht vor dem Militärregime in dem südostasiatischen Staat und vor einem international agierenden Menschenhändlerring. Nun befindet sie sich im Kirchenasyl des Ökumenischen Netzwerks zum Schutz von Flüchtlingen, das im Evangelischen Kirchenkreis Bielefeld angesiedelt ist.

Die zierliche Frau sei Opfer eines „Mafia-Systems“, sagt Ulla Hagemann, Diakonin und Presbyterin in der Evangelisch-Lutherischen Stiftskirche Schildesche in Bielefeld. Seit Jahren engagiert sie sich dort in der Betreuung von Geflüchteten. Sie kommen in drei Wohnungen unter, die von Kirchengemeinden zur Verfügung gestellt werden. Flüchtlinge wie Ja Min seien „Sklaven, sie haben kein Geld, keine Dokumente“, findet Hagemann. „Sie sind diesen Leuten ausgeliefert.“

Auf der Fahndungsliste der Militärjunta

Nach dem Sturz von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, der früheren Regierungschefin von Myanmar, durch das Militär war Ja Min 2022 nach Thailand geflohen. „Viele demonstrierten, ich und meine Familie auch“, berichtet sie über die Erfahrungen vor ihrer Flucht. „Viele starben, wurden verhaftet. Dabei wollten wir Freiheit und Demokratie. Aung war gut für das Land. Wir waren glücklich. Man merkte, es ging aufwärts.“

Nach dem Putsch wurden Hunderte Menschen getötet, Zehntausende wurden verfolgt und festgenommen. Auch Ja Min und ihre Geschwister standen auf den Listen der Militärjunta. „Die Polizei begann, die Demonstranten zu verfolgen, zu schlagen, in Autos zu verschleppen“, berichtet sie. „Viele haben sich nicht mehr nach Hause getraut.“ Sie habe sich immer wieder verstecken können. Auf den Rat ihrer Mutter hin reiste sie nach Thailand und schlug sich dort mit Hilfsjobs durch.

In Bulgarien zum Arbeiten gezwungen

Allerdings wurde Ja Min als Unterstützerin der Opposition denunziert und nahm deshalb ein Arbeitsangebot einer Agentur für Dubai an. Nach einem Online-Interview sollte sie Videos einreichen, die zeigen, wie sie putzt, bügelt oder Betten macht. Doch statt nach Dubai ging es überraschend nach Bulgarien. „Und als ich dort ankam, wusste ich nichts“, sagt Ja Min. „Ich kannte weder das Land noch den Boss, für den ich arbeiten sollte.“

In einem großen Anwesen, bewacht von bewaffneten Männern, wurde die Asiatin zum Putzen gezwungen. Ein Vertrag, den sie unterschreiben musste, sah acht Stunden Arbeit am Tag vor, tatsächlich waren es mehr als zehn Stunden ohne Pausen. Bei kleinsten Fehlern sei gedroht und Gehalt gekürzt worden.

Vorläufiger Schutz im Kirchenasyl

Anfang 2026, nach fast einem Jahr in Bulgarien, floh Ja Min mit Bus und Bahn nach Deutschland, sie kam über die Landeserstaufnahmeeinrichtung in Bochum in eine Unterkunft in Ostwestfalen-Lippe. Nach der Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) wurde entschieden, dass sie nach Bulgarien zurückgeführt werden soll. Hintergrund ist die sogenannte Dublin-Verordnung. Danach sind für Asylanträge jene EU-Länder zuständig, in die Geflüchtete als erstes eingereist sind. „Ich will aber nicht zurück nach Bulgarien“, sagt Ja Min. „Mein Leben ist dort bedroht.“

Über Kontakte erfuhr die 30-Jährige von der Möglichkeit des Kirchenasyls, in dem sie nun lebt. Dabei wird Menschen, denen bei einer Abschiebung Gefahr für Leib und Leben droht, ein zeitlich befristeter Schutz gewährt, um eine erneute, sorgfältige Prüfung ihrer Situation durch das Bamf zu erreichen. Die Behörden werden über das Kirchenasyl informiert.

Ausbeuterische Strukturen in der Schattenwirtschaft

Im Fall Ja Min warnt Kirchenkreis-Mitarbeiter Keles Koyun vor einer Rückführung nach Bulgarien. Die Flüchtlingsunterkünfte dort seien überfüllt, verschimmelt und verdreckt, sagt der Sozialarbeiter. Die Leute landeten auf der Straße, weil sie keine Arbeit und Wohnung hätten. Diakonin Hagemann befürchtet noch Schlimmeres: „Sobald sie da wieder hinkommt, wird man sie fassen.“

Referent Andreas Meyerhöfer von Pro Asyl beklagt, das Fehlen legaler Fluchtwege dränge viele Menschen in illegale Strukturen und in die Schattenwirtschaft im südlichen Europa. „Geflüchtete dürfen nicht so einer ausbeuterischen Situation ausgesetzt werden“, fordert er.

Gelder für Flüchtlingshilfe eingeschränkt

Auch die Menschenrechts- und Frauenhilfsorganisation Solwodi mit Sitz in Koblenz kennt solche Notlagen. „Aus unserer Sicht wären insbesondere sichere und niedrigschwellige Möglichkeiten der legalen Arbeitsmigration sowie ein wirksamer Zugang zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten wichtige Maßnahmen“, sagt Sprecherin Silke Radmacher-Heer.

Nach Einschätzung es Flüchtlingsrats NRW haben viele ausgebeutete Flüchtlinge kaum noch eine Chance, Hilfe zu erhalten. „Es gibt weniger Verfahrens- und Sozialberatungen in den Unterkünften“, kritisiert Geschäftsführerin Birgit Naujoks. Öffentliche Gelder seien eingeschränkt worden. Oft gebe es in einer Einrichtung nur noch eine halbe Stelle, für die sich zudem kaum noch Fachkräfte fänden.

Ja Min aus Myanmar hofft, dass sie Asyl erhält und sich in Deutschland eine Existenz aufbauen kann. „Ich lerne ernsthaft die deutsche Sprache und Kultur“, sagt sie. „Denn ich möchte hier gern in der Krankenpflege arbeiten.“

Von Uwe Pollmann (epd)