Der evangelische Theologe Jan Christian Pinsch warnt vor einer Radikalisierung im christlich-konservativen Milieu. In seiner Dissertation über „bibelfundamentalistische“ Netzwerke in der Region Lippe stellt er deutliche Überschneidungen mit menschenfeindlichen Einstellungen der politischen Rechten fest. Auch durch die Perspektivlosigkeit christlich-fundamentalistischer Kleinstparteien wachse die Offenheit in rechtskonservativen Gemeinden für die AfD, sagte der wissenschaftliche Mitarbeiter im Bereich Historische Theologie der Universität Paderborn dem Evangelischen Pressedienst (epd).
epd: In einer Studie haben Sie Netzwerke und Narrative „bibelfundamentalistischer“ Christen am Beispiel der Region Lippe untersucht. Taugt die kleinste Region Nordrhein-Westfalens hier als Brennglas?
Vereinnahmung christlich-konservativer Wählergruppen
Jan Christian Pinsch: Das kleine Lippe beheimatet nicht nur eine der kleinsten Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland, sondern auch verschiedene weitere aus dem Protestantismus stammende Frömmigkeitsrichtungen, die historisch von verschiedenen Faktoren geprägt sind. Dazu gehören etwa der Einfluss der Erweckungsbewegung und des Pietismus und der bundesweit in Ostwestfalen-Lippe am stärksten erfolgte Zuzug sogenannter Spätaussiedlerinnen und -aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion.
Die politische Rechte versucht hier mit wachsendem Erfolg eine Vereinnahmung christlich-konservativer Wählergruppen. Umso wichtiger ist es, hier deutlich zu differenzieren, wo die Grenzen zum Fundamentalismus überschritten werden und wo Verbindungen in die christliche Rechte bestehen.
Geschlossenes Weltbild mit menschenfeindlichen Positionen
Historisch-kritische Auslegungsmethoden der Heiligen Schrift werden von letzteren abgelehnt. So zeigt sich hier in allen drei untersuchten Kategorien - Islam-, Homosexuellen- und Genderfeindlichkeit sowie Antisemitismus und Verschwörungserzählungen - ein geschlossenes Weltbild mit abwertenden und zum Teil menschenfeindlichen Positionen.
Offener Dialog und klare Haltung nötig
Jüngere Ereignisse wie die sogenannte Flüchtlingskrise, die Einführung der „Ehe für alle“ und die Corona-Pandemie haben dabei zu einer deutlichen Radikalisierung geführt. Verstärkt ist zu beobachten, wie rechtskonservative Christinnen und Christen dabei, auch bedingt durch die Perspektivlosigkeit christlich-fundamentalistischer Kleinstparteien, offen die Nähe zur politischen Rechten suchen. Es ist kein Zufall, dass zwei der fünf Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen, in denen die AfD bei der Bundestagswahl 2025 die meisten Stimmen erhielt, in Lippe liegen.
epd: Kann man daraus Handlungsempfehlungen für evangelische Landeskirchen und Kirchengemeinden ableiten?
Pinsch: Das Ziel kirchlichen Handelns muss immer ein offener Dialog sein. Gleichzeitig braucht es gerade angesichts unserer deutschen Geschichte eine klare Haltung und Abgrenzung gegenüber Positionen, die unsere Erinnerungskultur und unsere Demokratie verächtlich machen. Christinnen und Christen in den Kirchengemeinden müssen einschreiten, wenn Menschen stigmatisiert werden - erst recht, wenn dafür die christliche Religion instrumentalisiert wird.