Ruck-Schröder: Leerstehende Kirchen zum Wohl aller weiter nutzen
s:31:"Präses Adelheid Ruck-Schröder";
Präses Adelheid Ruck-Schröder
Bielefeld (epd).

Leerstehende Kirchen sollten nach Ansicht der westfälischen Präses Adelheid Ruck-Schröder nicht vorschnell entwidmet, sondern wo möglich erhalten und anders genutzt werden. „Bevor wir Kirchen aufgeben, müssen wir fragen, wie wir diese wertvollen Orte im Quartier gemeinsam nutzen können“, sagte die leitende Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen dem Evangelischen Pressedienst (epd): Denkbar sei etwa eine „multiple“ Verwendung: „weiterhin religiös, aber zugleich mit Nutzen für den Stadtteil“. Dazu sei es nötig, stärker mit kommunalen Akteuren und privaten Investoren ins Gespräch zu kommen.

„Kirchen sind sichtbare Zeichen des Christentums, des Glaubens, die auch Fragen der Spiritualität in der Gesellschaft wachhalten“, sagte Ruck-Schröder. „Daran erinnern sie sogar, wenn sie entwidmet und anders genutzt werden.“ Diese Dimension brauche die Gesellschaft auch heute. In einer Stadt oder einem Dorf seien Kirchen oft die ältesten Gebäude, in denen sich Biografien, Geschichten, Gefühle, auch politische Aufbrüche widerspiegelten: „Kirchen sind Speicherorte persönlichen Lebens, aber auch des öffentlichen Lebens.“

Kristallisationspunkte für Sinnfragen

Als öffentliche, für alle zugängliche Gebäude leisteten Kirchen zudem einen Beitrag zum Zusammenhalt und für die Demokratie, weil Menschen sich dort versammeln und ins Gespräch kommen könnten, unterstrich die 60-jährige Theologin. „In einer Zeit der Spaltung brauchen wir solche dritten Orte.“ Sie seien ein „Schatz für die Gesellschaft“ und hätten eine große Bedeutung für das Leben, den Glauben und die Beziehungen von Menschen: „In Kirchen stehen Symbole der Trauer und der Hoffnung, sie sind Kristallisationspunkte für Sinnfragen.“

Die beiden großen Kirchen in Deutschland müssen bis 2060 Zehntausende Immobilien aufgeben - etwa Pfarr- und Gemeindehäuser, aber auch Sakralbauten. Grund ist, dass viele Gebäude künftig nicht mehr benötigt werden oder nicht mehr finanziert werden können. Die sogenannte Freiburger Studie prognostiziert für die evangelische Kirche eine Halbierung der Mitgliederzahl und der Finanzkraft bis 2060, nach Ruck-Schröders Worten könnten dies auch bereits 2040 Wirklichkeit werden.

Grenzen einer Nachnutzung

Erhalten werden sollten nach Ruck-Schröders Worten nicht nur denkmalgeschützte Kirchen. „Gerade Bauten der 50er und 60er Jahre erzählen eine eigene Geschichte, viele sind architektonische Zeugnisse eines stärker auf Gemeinschaft konzentrierten Verständnisses von Kirche“, erklärte die westfälische Präses. „Einige davon sollten wir exemplarisch bewahren.“

Für die Nachnutzung einer nicht mehr benötigten Kirche hält Ruck-Schröder eine ökumenische Nutzung als „Simultankirche“, eine diakonische Verwendung als Kita oder die Übernahme durch eine Synagoge für naheliegend, interreligiös sei die Offenheit gewachsen. Als anderes Beispiel nennt sie eine private Hochschule, die eine Kirche gekauft hat und als Ausstellungsort nutzt. Allerdings gebe es auch rote Linien: „Eine Spielhalle kann ich mir in einer Kirche nicht vorstellen.“

epd-Gespräch: Ingo Lehnick