Rekordhoch bei antisemitischen Straftaten in NRW
s:67:"Aufkleber mit dem Davidstern und der Aufschrift "Stand with Israel"";
Aufkleber mit dem Davidstern und der Aufschrift "Stand with Israel"
Düsseldorf (epd).

Die Zahl antisemitischer Straftaten in NRW hat im vergangenen Jahr ein Rekordhoch erreicht. Laut dem NRW-Verfassungsschutzbericht zur politisch motivierten Kriminalität wurden 786 antisemitische Straftaten registriert, wie die Antisemitismusbeauftragte des Landes NRW, Sylvia Löhrmann, am Montag bei der Vorstellung ihres Jahresberichts 2025 in Düsseldorf erklärte. Das entsprach einem Plus von 13 Prozent im Vergleich zum Jahr zuvor und bedeute durchschnittlich mehr als zwei antisemitische Straftaten pro Tag im bevölkerungsreichsten Bundesland.

Auch die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen (Rias NRW) dokumentierte mit 1.102 antisemitischen Vorfällen einen neuen Höchststand. Das entspricht einem Anstieg von 17 Prozent im Vergleich zu 2024. Die erneut gestiegenen Zahlen „erfüllen mich mit großer Sorge“, sagte Löhrmann. Hinter jeder einzelnen Zahl stehe eine konkrete Tat gegenüber einem Menschen, einer jüdischen Institution oder einer Gedenkstätte. „Judenhass darf nicht zur Normalität werden.“ Löhrmann sprach mit Blick auf die Zahlen von einem „alarmierenden Zustand“, gegen den Politik und Gesellschaft vorgehen müssten.

Mehrzahl der Straftaten wird dem rechtsextremen Milieu zugeordnet

Laut dem Verfassungsschutzbericht wurden 2025 in NRW zehn Gewalttaten registriert, die aus Judenhass begangen wurden. Im Jahr zuvor waren es 16 gewesen. Die häufigsten Deliktgruppen waren im vergangenen Jahr Volksverhetzungen (337 Straftaten), Propagandadelikte (185) und Sachbeschädigungen (97). Die meisten Straftaten wurden dem rechtsextremen Tätermilieu zugeordnet.

Gleichwohl machte Löhrmann deutlich, dass Antisemitismus nicht auf bestimmte Bevölkerungsschichten begrenzt sei, sondern in unterschiedlichen politischen, religiösen und gesellschaftlichen Kontexten vorkomme. Judenhass finde sich bei Rechtsextremen sowie in linksextremen, islamistischen und religiösen Milieus. Der Hass auf Jüdinnen und Juden habe mittlerweile eine „alltagsprägende Dimension“ erreicht, mahnte sie. Häuser würden beschmiert und jüdische Menschen beschimpft oder attackiert - zugleich sinke in der Gesellschaft die Solidarität und Anteilnahme.

85 antisemitische Vorfälle an Hochschulen in NRW

Auch an den Hochschulen in NRW bleibt die Lage laut der Landesbeauftragten angespannt. Die Zentrale Beratungsstelle für Antisemitismus an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen dokumentierte für 2025 insgesamt 85 antisemitische Vorfälle (2024: 79 Fälle).

Zugleich verwies Löhrmann auf die „Breite des Engagements“, mit der Initiativen und Organisationen gegen Antisemitismus im Land vorgingen. Sie sprach sich in diesem Zusammenhang für möglichst niederschwellige Angebote aus, die etwa in der Nachbarschaft, beim Sport oder in der Schule verankert werden sollten. An den Schulen müssten Lehrkräfte befähigt werden, Judenhass in all seinen Erscheinungsformen zu erkennen und darauf zu reagieren.

Löhrmann begrüßt Leitfaden der Kirchen

Zugleich begrüßte sie, dass auch die Kirchen in NRW sich des Themas angenommen hätten. So haben die fünf katholischen Bistümer und drei evangelischen Landeskirchen in NRW im vergangenen Jahr einen Leitfaden zum Umgang mit antijüdischen Bildwerken in und an Kirchenräumen verabschiedet. Damit stellten sich die Kirchen ihrer antijudäischen Tradition, sagte Löhrmann.

Die frühere NRW-Schulministerin Löhrmann ist seit dem 1. November 2024 Beauftragte des Landes NRW für die Bekämpfung des Antisemitismus, für jüdisches Leben und Erinnerungskultur. Sie ist Nachfolgerin der ehemaligen Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die ihr Amt Ende Oktober 2024 niedergelegt hatte. Die Beauftragte initiiert und koordiniert präventive Maßnahmen der Antisemitismusbekämpfung in Nordrhein-Westfalen, ist Ansprechpartnerin für Betroffene antisemitischer Übergriffe und legt dem Landtag jährlich einen Bericht über ihre Arbeit vor.

Von Michael Bosse (epd)