Plädoyers für starkes Europa: Mario Draghi mit Karlspreis geehrt
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Medaille Karlspreis
Aachen (epd).

Die Zukunft Europas angesichts der globalen Krisen hat die Reden bei der diesjährigen Verleihung des Internationalen Karlspreises geprägt. Europa müsse dem „Sturm dieser Zeit“ trotzen und wirtschaftliche Stärke sowie militärische Verteidigungsfähigkeit zeigen, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in Aachen in seiner Laudatio auf den Karlspreisträger 2026, Mario Draghi. Der frühere italienische Ministerpräsident und Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) forderte in seiner Dankesrede gemeinsames Handeln, Mut und Reformen. Aachens Oberbürgermeister Michael Ziemons (CDU) konstatierte „das Ende einer Weltordnung“, Europa müsse sich unabhängiger machen.

Draghi hatte am 26. Juli 2012 als Chef der Europäischen Zentralbank mit seiner Aussage zur Unterstützung der europäischen Einheitswährung um jeden Preis („whatever it takes“) den Euro und die Währungszone stabilisiert. Heute sei der Euro unangefochten, dafür seien die Europäer ihm zutiefst dankbar, sagte Merz. Mit seiner schonungslosen Analyse in seinem 2024 vorgelegten „Draghi-Report“ habe der frühere EZB-Chef ein grundlegendes Umsteuern der EU angemahnt und weitreichende Reformvorschläge zur Verbesserung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit gemacht. Diese müssten jetzt umgesetzt werden.

Als geeintes Europa dem Sturm der Zeit trotzen

Die Welt sortiere sich neu und man erlebe „wöchentliche Krisenlagen“, sagte Merz. Europa habe nun die Chance, die neue Weltordnung so mitzugestalten, „dass in ihr Normen und Regeln statt Willkür und das Recht des Stärkeren gelten“. Mit klarem Kurs, kühlem Kopf und einer neuen europäischen Entschlossenheit müsse es um wirtschaftliche Stärke, „grundlegende Modernisierung“ und militärische Verteidigungsfähigkeit gehen, um dem „Sturm dieser neuen Zeit“ zu trotzen. „Wenn wir es richtig machen, dann werden diese Jahre der großen welthistorischen Bewegung im Rückblick Jahre der Weiterentwicklung und der Stärkung eines geeinten Europas sein“, sagte Merz.

Der Kanzler dankte Draghi für dessen „großartiges Lebenswerk“, er mache sich bis heute um Europa verdient. Auch der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis äußerte sich dankbar für Draghis Unterstützung für den Euro in einer existenziellen Krise der EU. Kein Land habe mehr unter der damaligen Finanzkrise gelitten als Griechenland, sagte Mitsotakis in seiner Laudatio. Das einstige „Stiefkind der Euro-Zone“ sei in den Folgejahren einen schmerzlichen Weg gegangen und habe sich „des Vertrauens der Euro-Zone als würdig erwiesen“.

Mehr Verantwortung und pragmatischer Föderalismus

Draghi forderte mehr Investitionen, Wachstum und politische Handlungsfähigkeit der EU, der Staat müsse wieder „strategisch in die Märkte“ eingebracht werden. Zugleich müsse Europa seine Abhängigkeiten neu ordnen und verlässliche Partnerschaften suchen - insbesondere mit den USA, ohne sich von diesen abhängig zu machen. Nötig sei auch „mehr Verantwortung für unsere Verteidigung“. Um Entwicklungen schneller voranzutreiben, plädierte der 78-jährige Wirtschaftswissenschaftler für einen „pragmatischen Föderalismus“: Länder, die zu mehr Tempo bei den Veränderungen bereit sind, sollten vorangehen.

Für mehr Unabhängigkeit sprach sich auch Oberbürgermeister Ziemons aus, um nicht zum Spielball anderer Mächte zu werden. „Europa muss ein Akteur sein, der die Welt mitgestaltet“, sagte er. „Nicht einer, der auf die Entscheidungen anderer reagiert oder sie ausführen darf, ohne wirklich mitentschieden zu haben.“

Förderung proeuropäischer Projekte

Der Internationale Karlspreis zu Aachen gilt als älteste und wichtigste Auszeichnung für Verdienste um Völkerverständigung und die europäische Einigung. Er ist nach Karl dem Großen (747/748-814) benannt, der schon zu Lebzeiten als „Vater Europas“ bezeichnet wurde. Verliehen wird der Preis seit 1950 traditionell an Christi Himmelfahrt. Er ist seit 2025 mit einer Million Euro dotiert, die in Abstimmung mit dem Preisträger in gemeinnützige proeuropäische Projekte fließen sollen. Draghi kündigte an, er wolle medizinische Hilfe für Menschen in den Fokus seiner Projektauswahl stellen, die unter Armut und Krieg leiden.

Von Ingo Lehnick (epd)