Pionier im hohen Norden: Ein Teegarten in Ostfriesland
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Pionier im hohen Norden: Ein Teegarten in Ostfriesland.
"Camellia sinensis" wird auch abseits der Tropen geerntet
Etzel, Leverkusen (epd).

Über den Köpfen schließen sich die Haseln zu einem schützenden Dach. Rechts und links wachsen üppig wuchernde Büschel-Rosen und der weidenblättrige Spierstrauch der Sonne entgegen und bilden einen geheimnisvoll wirkenden Gang. Nach wenigen Metern fällt der Blick dann plötzlich auf ein Feld, das im Nordwesten Deutschlands einzigartig ist: Hier am Pumper Hörn im ostfriesischen Etzel versteckt sich der Teegarten von Eibo Schultz: hüfthohe Sträucher, in Reihen gepflanzt.

Das Teetrinken in der Region hat eine lange Tradition. Die Unesco nahm die ostfriesische Teekultur im Dezember 2016 in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Weltkulturerbes auf. Die immergrünen Teesträucher, botanisch „Camellia sinensis“, bringt man aber meist mit tropischen und subtropischen Regionen in Verbindung. Teeanbau in Ostfriesland, geht das? „Ja, das funktioniert, sogar gut“, sagt Eibo Schultz. Er kultiviert Büsche aus Taiwan, Korea und China in ihrer kleinblättrigen, frostfesten Variante.

Sträucher brauchen sauren Boden

Nach Wasser ist Tee das beliebteste Getränk der Welt. Seit einigen Jahren schlägt die in Asien beheimatete Pflanze auch in Europa Wurzeln, etwa in Portugal, Frankreich und Italien. Und auch in Schottland, Holland, Belgien, Dänemark und eben in Deutschland gibt es Projekte, die mit dem Anbau experimentieren, wie Eibo Schultz im alten Gemüsegarten des Bauernhauses seiner Urgroßmutter. Das Feld liegt teils im Halbschatten und ist mit Stroh abgedeckt, was im Winter isoliert. Im Sommer reduziert es die Verdunstung und kontrolliert die Unkräuter. Der Boden ist durchlässig, ohne Staunässe, eher sauer. Auch das milde Klima in Ostfriesland mit reichlich Niederschlägen ist vorteilhaft.

„Das braucht der Tee“, sagt der 48-Jährige, der in Etzel geboren ist. Als UN-Mitarbeiter und auch privat hat er den Teeanbau in China, Indien, Afghanistan und im Mittleren Osten kennengelernt. „Der Anbau und die Verarbeitung - das fasziniert mich“, sagt er. Tee getrunken hat er allerdings schon viel früher. „Bereits als Kind auf dem Bauernhof meiner Großeltern: morgens, mittags, nachmittags und abends“, erzählt Eibo Schultz. „Das Teetrinken ist hier wie Atmen.“

300 Liter Tee pro Kopf und Jahr

Tatsächlich stehen die Ostfriesen mit ihrem Teekonsum bundesweit an der Spitze. In Deutschland werden nach Angaben des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft jährlich pro Kopf rund 27 Liter Schwarz- und Grüntee getrunken. „In Ostfriesland sind es etwa 300 Liter“, bilanziert Mirjana Culibrk, Leiterin des Teemuseums im ostfriesischen Norden.

Sie weiß auch, warum Tee und Ostfriesland seit etwa 350 Jahren so gut zusammenpassen: Die Nähe zu den Niederlanden, deren Ostasiatische Kompanie Anfang des 17. Jahrhunderts erstmals Tee importierte, spielt dabei eine große Rolle. Es lag auch an der damals schlechten Wasserqualität in den Küsten- und Moorlandschaften. Durch das Abkochen und den Zusatz möglichst kräftigen Tees wurde das Wasser genießbar. Außerdem warben Calvinisten und Pietisten für den Tee als gottgefälligen Ersatz für den weitverbreiteten, übermäßigen Alkoholkonsum. Und schließlich: Das belebende Warmgetränk macht das raue Klima erträglicher.

Pioniere im Bergischen Land

Eibo Schultz hat den Anbau im „Tscha-Nara“-Teegarten von Wolfgang Bucher und seiner koreanischen Frau Haeng ok Kim im Bergischen Land nahe Leverkusen kennengelernt. Dort zieht das Ehepaar auf einer geschützten Hanglage seit mehr als zwei Jahrzehnten Teebüsche aus aller Welt groß. „Es ist unser Anliegen zu zeigen, dass man in Deutschland durchaus hochwertigen Tee anbauen und herstellen kann“, betont Bucher. „Tscha“ steht im Koreanischen für Tee und „Nara“ für Land.

Einen weiteren Teegarten gibt es in Alfeld bei Hannover. Und die in Deutschland größte und dazu kommerzielle Anlage mit mehreren Hektar entsteht seit 2022 im brandenburgischen Schünow. Es sind aber vor allem die „Tscha-Nara“-Gründer, die Eibo Schultz zum Start in sein Plantagen-Abenteuer vor sechs Jahren inspiriert haben. „Nur wegen ihrer Pionierarbeit und jetzt freundschaftlichen Hilfe gibt es Teeanbau in Ostfriesland“, sagt er.

Die Arbeit dafür beginnt schon im Winter: Dann beschneidet Schultz seine Büsche, rechtzeitig vor dem neuen Laubaustrieb. Blätter kann er dann von Ende Mai bis in den September ernten. Anschließend können sie beispielsweise zu Oolong, weißem, grünem und schwarzem Tee verarbeitet werden.

In diesen Wochen ist er bei trockenem Wetter immer mal wieder zur Ernte unterwegs. Für seine hochwertigen Tees wählt Schultz nur die jeweils zwei jüngsten Blätter und die Endknospe eines Zweiges. „'Two leaves and a bud', heißt die Methode“, sagt der Tee-Liebhaber, während er mit geübtem Griff die Triebe mit zwei Fingern abknipst.

Nach der Ernte geht es zügig in die Verarbeitung: Zuerst müssen die Blätter welken, damit sie weicher werden. Dann rollt Eibo Schultz das Grün, knetet es mit großem Druck in einem Stofftuch, was den Austritt von Pflanzensaft und ätherischen Ölen fördert, die Enzyme aktiviert. Schließlich muss die Ernte bei hoher Luftfeuchtigkeit und etwa 25 Grad Celsius bis zu zehn Stunden oxidieren, um am Ende im Dörrofen getrocknet zu werden.

Das Ergebnis: Aromatisch und mild

Das Ergebnis ist ein feiner Schwarztee, aromatisch und etwas milder als die üblicherweise in Ostfriesland getrunkene Teemischung. Die Mengen sind bescheiden, handeln kann er damit nicht: „Für den Eigenbedarf, zum Verkosten und für Präsentationen auf Tee-Festivals.“

Und dann, wenn alle Arbeit getan ist, kommt die Entspannung. „Da nehmen wir uns Zeit. Teetrinken steht für gemütliches Zusammensein, Gastfreundschaft und den Austausch“, betont Eibo Schultz. „Ein Brauch, der in Ostfriesland noch heute die Gemeinschaft zusammenhält.“

Von Dieter Sell (epd)