Der vergessene Krieg im Sudan
Schule YMCA Port Sudan
Schule für Flüchtlingskinder: Durch den neuen Bürgerkrieg sei die Zahl der Schüler von 500 auf 800 gestiegen.
Wie Württemberger Betroffenen in Afrika helfen
Stuttgart/Khartum (epd)

Irankrieg, Gaza, Ukraine - bei all diesen Kriegen ist der Sudan in Vergessenheit geraten. Doch auch dort tobt seit drei Jahren ein heftiger Bürgerkrieg. Viele Millionen Menschen sind innerhalb des Landes oder in benachbarte Länder geflüchtet. Die Versorgung mit Lebensmitteln und sauberem Wasser wird zunehmend schwieriger.

Einzelpersonen und Vereine versuchen, von Deutschland aus Hilfen ins Land zu schicken. Eine von ihnen ist Hala Elamin. Die gebürtige Sudanesin, die seit 25 Jahren in Baden-Württemberg lebt, arbeitet als Heilerziehungspflegerin bei der diakonischen Einrichtung Sonnenhof in Schwäbisch Hall und ist zudem als interkulturelle Promoterin im Regierungsbezirk Stuttgart unterwegs.

«Ständig auf der Flucht»

Ein Großteil von Hala Elamins Familie lebt noch im Sudan. «Sie alle sind seit drei Jahren ständig auf der Flucht», berichtet die 50-Jährige, die gut über die Situation im afrikanischen Land informiert ist. «Die Infrastruktur in der Hauptstadt Khartum ist vollkommen zerstört.» Es gebe keine Behörden, kein sauberes Trinkwasser, keinen Strom. Auch die meisten Hilfsorganisationen hätten sich aus der Region von Khartum zurückgezogen; einige versuchten von der Hafenstadt Port Sudan aus, Flüchtlinge zu versorgen.

Ähnliches berichtet Valerian Grupp vom Evangelischen Jugendwerk Württemberg (EJW). Er ist Landesreferent und zuständig für die Hilfsprojekte im Sudan. Bereits seit 25 Jahren unterstützt das EJW verschiedene Projekte im Sudan sowie Südsudan und kooperiert dabei mit dem örtlichen YMCA - dem Pendant zum deutschen CVJM. Alle paar Jahre kommt es in dem afrikanischen Land zu neuen militärischen Konflikten zwischen rivalisierenden Gruppierungen. Die Situation ist im Februar 2023 dann komplett eskaliert. Rebellengruppen kämpfen gegen Regierungstruppen. Verschiedene Länder wie Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien unterstützen die verfeindeten Lager mit Waffen und Geld und verfolgen dabei eigene Interessen.

Geld lässt sich schwer in den Sudan schicken

«Wegen dieser Situation wird es immer schwieriger, Geld in den Sudan zu schicken», sagt Valerian Grupp. «Die meisten Banken boykottieren Überweisungen.» Es stehe immer der Verdacht der Terrorfinanzierung im Raum. Das EJW finanziert seit vielen Jahren eine Schule für Flüchtlingskinder. Diese wurde in Port Sudan gegründet für Familien, die wegen eines bewaffneten Konflikts geflüchtet waren. Durch den neuen Bürgerkrieg sei die Zahl der Schüler von 500 auf 800 gestiegen, berichtet Grupp.

Am wichtigsten sei für die Kinder die tägliche Schulspeisung. «Für viele ist es die einzige Mahlzeit am Tag». Auch sauberes Trinkwasser erhalten die Schüler. Mit 50.000 Euro hat das EJW im vergangenen Jahr Schule und Schulspeisung unterstützt und sammelt auch aktuell wieder Spenden für das Projekt. «Wir haben nach langem Suchen einen Finanzdienstleister gefunden, der es schafft, die Spenden in den Sudan zu überweisen», sagt Grupp. Vertrauensleute vor Ort, die die Akteure des EJW persönlich kennen, bestätigten den Eingang der Spenden, die vierteljährlich überwiesen werden. «Wir erhalten auch jedes Jahr einen detaillierten Finanzbericht aus dem Sudan.»

Bürgerengagement in Gemeinschaftsküchen

Hala Elamin unterstützt mit ihrem Freundeskreis Afrika gezielt einzelne Großfamilien. «Wir senden Kleinbeträge von 50 Euro an Familien, die damit Lebensmittel und Medikamente kaufen oder Krankenhausbehandlungen bezahlen können», berichtet Elamin. Überwiesen wird das Geld über eine App aufs Handy der Empfänger. Die Gebühren für die Überweisung sind sehr niedrig. Zudem unterstützt der Freundeskreis sogenannte Takaaya. Das sind große Gemeinschaftsküchen, die es mittlerweile in jedem Dorf und jedem Stadtteil gibt. «Da es keine staatlichen Strukturen mehr gibt, funktioniert die Gesellschaft nur durch das Engagement der Bürger», sagt sie.

Spenden in Deutschland für Menschen im Sudan sammelt auch der Herrenberger Ismail Yavuzcan. Der Historiker und Gymnasiallehrer organisiert gemeinsam mit einem Freund, der an der türkischen Botschaft im Sudan arbeitet, Lebensmittelspenden an sudanesische Flüchtlingsfamilien. «Helfer vor Ort packen in der Küstenstadt Port Sudan Pakete mit Mehl, Öl Linsen, Milchpulver und Zucker. Jedes Paket hat einen Wert von 30 Euro», sagt Yavuzcan. Diese Pakete werden dann an bedürftige Familien verteilt.

Bereits dreimal hat der Herrenberger solche Aktionen organisiert, zuletzt im März während des Fastenmonats Ramadan. Fast 3.200 Euro sind damals zusammengekommen. Weitere knapp 3.000 Euro steuerte der Botschaftsmitarbeiter bei. 200 sudanesische Familien konnten so versorgt werden. 

 

Von Gerlinde Wicke-Naber (epd)