Luca-Christin Wenz, Gründerin der «Initiative Kunterbunt», weiß, wie sich mitten in der Not offene Türen und Ohren anfühlen. Aus dem Dunkel ihres kaputten Elternhauses suchte sie als Kind nach guten Orten, zu denen sie hinfliehen konnte. Hinter der offenen Tür der katholischen Kirche in der Nachbarschaft fand sie einen würdigen Raum, der sie zur Ruhe kommen ließ und in dem sie anfing, mit Gott zu sprechen. Sie fand die Frau aus der Baptistengemeinde ihrer Mitschülerin, die ihr kostenlos Nachhilfe gab. Sie fand das offene Haus einer schlichten schwäbischen Bäuerin, die von ihrem «Heiland» sprach. Und sie fand ein offenes Ohr bei der Bahnhofsmission.
«Meine erste Bibel habe ich mir geklaut», erinnert sie sich. «Den Stempel der Schule habe ich einfach zugeklebt und meinen Namen darübergeschrieben.» Das vereinsamte Mädchen mit dem seltsamen Benehmen spürte, dass sie nicht dazugehörte. Der Pfarrer, in dessen Konfirmandenunterricht sie vorbeischaute, schickte sie kurzerhand weg - schließlich war sie nicht angemeldet. Ihr Eindruck: Der christliche Glaube ist was für gute Schüler aus guten Familien, die Geige oder Klavier lernen und Weihnachten in schicken Kleidern feiern.
Luca-Christin Wenz bietet heute selbst eine offene Tür
Nach Jahren voller Wut und Trauer, Irrungen und Wirrungen fand die junge Frau, deren Vater infolge zweier Selbstmordversuche und deren Mutter an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs gestorben war, erneut eine offene Tür und ein offenes Herz. Eine Aidlinger Diakonisse wurde für die gelernte Arzthelferin wie «Gott zum Anfassen». Sie sprach Wenz frei von den Schuldgefühlen, die diese als Gewaltopfer entwickelt hatte. Was sie bereits als Kind in der Stille der katholischen Kirche bewegt hatte, machte sie jetzt in Gegenwart der evangelischen Schwester fest: Sie ließ das Dunkle los und vertraute Gott ihr Leben an.
Eine offene Tür - das bietet Luca-Christin Wenz, mittlerweile verheiratet und Mutter von drei Kindern, nun selbst an. Im Böblinger Stadtteil Diezenhalde, wo die 57-Jährige bis heute wohnt, gibt es ein starkes soziales Gefälle - neben einer gutbürgerlichen Schicht Sozialwohnungen, eine Obdachlosen- und eine Flüchtlingsunterkunft. Bald fanden Kinder aus Randfamilien vom Hochhaus gegenüber bei Familie Wenz ein zweites Zuhause - bastelten, spielten, hörten biblische Geschichten, feierten Geburtstage. Doch dann beschwerten sich die Nachbarn im Mehrfamilienhaus über zu viel Lärm.
Luca-Christin Wenz fragte bei der evangelischen Kirchengemeinde nach Räumlichkeiten. Die Kinder kamen nun dorthin. Eine große Jungschargruppe entstand, dann zwei Teenie-Kreise. Die jungen Teilnehmer kamen genauso wenig wie ihre Leiterin aus einem christlichen Umfeld. 2018 trennten sich die Wege. Im städtischen Jugendhaus wurde ihr ausdrücklich erlaubt, das christliche Profil beizubehalten. Jetzt kamen noch mehr Kinder - auch aus muslimischen Familien. Längst hatte sie auch andere Zielgruppen im Fokus, besuchte mit anderen Ehrenamtlichen die Obdachlosenunterkunft, machte den Menschen dort ein Beziehungsangebot, vermittelt und begleitet bis heute in die Suchtberatung, zu Ärzten.
Ihre Wünsche: eigene Räumlichkeiten und noch mehr Mitstreiter
Durch praktizierte Nächstenliebe Gottes Liebe erfahrbar machen, das ist der Grundgedanke der Initiative «Kunterbunt», die Luca-Christin Wenz mit einer Handvoll Gleichgesinnter 2021 gründete. Unter dem Motto «Mitmachen - Mut machen - möglich machen» finden Menschen aus unterschiedlichen Milieus zusammen und erhalten Kinder und Erwachsene in schwierigen Lebenssituationen niedrigschwellig Hilfe. Die institutionell unabhängige Pop-up-Bewegung kümmert sich um professionelle Nachhilfe für benachteiligte Kinder und Jugendliche, beteiligt sich an Foodsharing, mischt sich unter die Menschen in der Böblinger Vesperkirche.
Beim wöchentlichen Treff Kunterbunt in den Böblinger Stadtteilen Diezenhalde und Flugfeld kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen, erleben Gemeinschaft bei Gesprächen und Kaffeetrinken, beim Spielen und kreativ sein. Missioniert wird hier nicht. «Die Menschen können den Geist Jesu spüren, ohne dass wir immer davon sprechen», ist die Christin überzeugt, deren Verein mit zahlreichen städtischen und gemeinnützigen Einrichtungen sowie den örtlichen Kirchen zusammenarbeitet.
Mit der Kirche als Institution fremdelt die unkonventionelle Frau mit dem großen Herzen trotzdem noch immer. Ihre Bewegung möchte einen Ort schaffen für Menschen, die durch kirchliche Angebote nicht erreicht werden. Sie hat zwei Wünsche für die Zukunft: eigene zentral gelegene Räumlichkeiten und weitere Leute, die das Anliegen der Initiative Kunterbunt teilen und weiterentwickeln.