Das Diakonische Werk Württemberg sieht den Sozialstaat in Gefahr. Auf seiner Jahrespressekonferenz am 25. Februar warnte der Verband in Stuttgart vor einer Aushöhlung sozialer Leistungen. Verhandlungen mit Kostenträgern seien wegen knapper Kassen schwierig geworden. Die Vorstandsvorsitzende Annette Noller sagte, eine stabile sozialstaatliche Vorsorge trage maßgeblich zu einer krisenfesten Gesellschaft bei. «Es hilft aber nicht weiter, wenn dem Sozialen Gold- oder Platin-Status unterstellt und Personengruppen diffamiert werden», betonte sie.
Die Diakonie kritisiert, dass Menschen mit Behinderungen zunehmend als «Kostenfaktor» bezeichnet würden. Tatsächlich lägen die Ausgaben für Menschen in besonderen Wohnformen in Baden-Württemberg mit rund 44.000 Euro pro Person unter dem Bundesdurchschnitt von etwa 48.400 Euro. Kostensteigerungen seien vor allem auf die Inflation und höhere Tarife zurückzuführen, nicht auf ausgeweitete Leistungen. Kornelius Knapp, Vorstand Sozialpolitik, hob hervor, Sozialleistungen dürften generell nicht als Kostenfaktor verstanden werden - sie seien Infrastruktur, ähnlich wie Straßenbau und Kinderbetreuung, ohne die eine Gesellschaft nicht funktioniere.
Ausländische Pflegekräfte schneller anerkennen
Die Nachfrage in den diakonischen Sozialberatungsstellen ist den Angaben zufolge enorm gestiegen. Im Jahr 2024 suchten über 12.000 Menschen an 61 Standorten Hilfe, darunter zunehmend auch Personen mit mittlerem Einkommen. Gleichzeitig sei die Zahl der Langzeitarbeitslosen im Land auf 92.000 angewachsen. Die neue Landesregierung müsse einen sozialen Arbeitsmarkt durch Integrationsjobs schaffen, forderte Noller. Kritisch sieht sie die Deckelung der Mietkosten für Empfänger der Grundsicherung, die ab Juli gelten soll. Das werde bei manchen schnell zur Wohnungslosigkeit führen.
Dringender Reformbedarf bestehe in der Pflege. Die Diakonie fordert, die hohen Eigenanteile für Pflegebedürftige zu senken. Um dem Personalmangel zu begegnen, müssten die Anerkennungsverfahren für ausländische Pflegekräfte von derzeit bis zu 18 Monaten auf maximal drei Monate verkürzt werden. Erfreut zeigte sich die Diakonie darüber, dass die Landesregierung 50 Millionen Euro für Modernisierungen in der Sozialwirtschaft bereitstellen will.
Neue Geschäftsmodelle und KI
Innovativ zeigt sich der evangelische Sozialverband bei der Digitalisierung. So hat die Diakonie die «fillo»-App entwickelt, die Menschen verschiedenster Sprachen beim Ausfüllen von amtlichen Formularen hilft. Sie erklärt beispielsweise, wie Nutzer ihre Steueridentifikationsnummer herausfinden. Die App ist bereits in acht Landkreisen im Einsatz und hat inzwischen bundesweites Interesse erregt. Das baden-württembergische Sozialministerium fördert das Projekt mit 300.000 Euro.
Das Diakonische Werk entwickelt weitere neue Geschäftsmodelle. Laut Finanzvorstand Robert Bachert will man etwa Dienstleistungen für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) anbieten. Außerdem könnten gemeinsame Ombudsstellen betrieben werden, was die Kosten für die einzelnen Einrichtungen senke.
Diakonie-Chefin Noller wies zudem auf die Schulung innerbetrieblicher Suchtberater durch Fachleute des kirchlichen Wohlfahrtsverbands hin. Außerdem habe man acht Innovationscoaches ausgebildet, die den Mitgliedsorganisationen beim Reagieren auf Trends oder der Entwicklung von Strategien helfen. Die Nachfrage sei so groß, dass in diesem Jahr acht weitere Innovationscoaches zertifiziert werden sollen.