Gedämpftes Licht und schwarz ummantelte Vitrinen: In der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart geht es ab dem 23. Oktober geheimnisvoll zu. Bis Mitte Januar 2027 zeigt eine Ausstellung dort unter dem Titel «Weggesperrt!? Geheimes Wissen und verbotene Bücher» mehr als 75 Exponate mit geheimem oder verbotenem Inhalt.
«Geheimnisvolles und Verbotenes hat seinen ganz eigenen Reiz, gerade bei Bibliotheken, deren Hauptzweck es ja eigentlich ist, ihre Bestände für jeden benutzbar zu machen», sagte Hans-Christian Pust, Hauptkurator der Ausstellung, dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Martin Luther und das Briefgeheimnis
Das älteste Exponat der Ausstellung stammt aus dem 12. Jahrhundert und zeigt einen Brief von Hildegard von Bingen, in dem sich eine Zeile in Geheimschrift findet. Ein festgeschriebenes Briefgeheimnis gab es lange Zeit nicht. Martin Luther war einer der Ersten, der diesem Thema eine eigene Schrift widmete. Herzog Georg von Sachsen hatte einen Privatbrief Luthers abgefangen und dessen Inhalt in einer eigenen Schrift öffentlich gemacht, was der Reformator kritisierte. «Was heimlich ist, soll man heimlich bleiben lassen», schrieb er.
Ein Schmetterling mit brisanten Informationen
Geheime Liebesbriefe schickten sich der Dichter Friedrich Hölderlin und die Frankfurter Bankiersgattin Susette Gontard. Zu sehen ist in der Ausstellung ein Originalbrief aus dem Jahr 1799 von Gontard an Hölderlin. «Die Briefe thematisieren das Verborgene, das Verschwiegene und die Unmöglichkeit, die Liebe öffentlich zu leben», so Jörg Ennen, Leiter des Hölderlin-Archivs der Landesbibliothek und Mitkurator der Ausstellung.
Ausgestellt ist auch eine originale Chiffriermaschine «Enigma», die die deutschen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg nutzten, um Funksprüche zu verschlüsseln. Robert Baden-Powell, britischer Spion im Ersten Weltkrieg, zeigte in einem Buch, das er 1915 veröffentlichte, wie die Umrisse einer Festung sowie die Standpunkte und Größe von Kanonen in dem Bild von einem Schmetterling versteckt werden können.
Der Alchemist Georg Honauer (1572-1597) versprach dem württembergischen Herzog Friedrich I. mithilfe einer «Universaltinktur» aus Eisen Gold machen zu können. Als er gestand, dass er doch kein geheimes Wissen darüber hatte, wie man Eisen in Gold verwandelt, wurde er an einem etwa zwölf Meter hohen Galgen hingerichtet.
Die Bibel als verbotenes Geheimnis
Die Ausstellung blickt auch auf Fälle, in denen Bücher vor oder nach der Veröffentlichung meist aus politischen oder «sittlichen» Gründen verboten wurden. So war die deutschsprachige Bibel im Spätmittelalter ein verbotenes Buch. Zwischen 1480 und 1490 wurde in Nürnberg ein Gutachten über den Druck deutschsprachiger Bibeln verfasst, das in der Ausstellung zu sehen ist. Die Gefahr, dass Irrlehren und Ketzereien entstehen, wenn der Bibeltext in die Hände von Laien komme, sei viel zu groß, heißt es darin.
Der Dichter Heinrich Heine war im 19. Jahrhundert einer der Schriftsteller, die am stärksten von der preußischen Zensur verfolgt wurden. Im zweiten Band der Reisebilder (1827) verspottet er die Zensoren offen, in dem er 73 Gedankenstriche setzte. Die übrigen vier Worte waren: «Die deutschen Censoren - - - - Dummköpfe». Diese Worte machten die Zensurmaßnahme selbst zum Teil des Kunstwerks.
Einblicke in Bücher aus dem «Giftschrank»
Am Anfang der nationalsozialistischen Bücherverbote standen die Bücherverbrennungen. Ein halb verkohltes Buch aus dem Scheiterhaufen der Bücherverbrennung in Kiel am 10. Mai 1933 erinnert an diese dunkle Geschichte.
Im «Giftschrank» der Bibliothek landen heute Medien, deren Verbreitung gesetzlich eingeschränkt ist, etwa Schriften von Holocaustleugnern, die zum «Sperrbestand» der Bibliothek gehören und nur mit besonderer Genehmigung benutzt werden dürfen, ebenso wie Bücher, die «nur für den Dienstgebrauch» gekennzeichnet sind. Aber auch vom Verlag zurückgezogene Bücher werden von Bibliotheken gesperrt - so etwa ein Pilzbuch, indem anstelle eines essbaren Pilzes ein leicht giftiger abgebildet ist.
Vieles Geheimes wurde später doch bekannt
Die Ausstellung zeigt: Vieles, was geheim war, wurde später doch bekannt. Und auch Zensur schafft es nicht, Ideen oder Gedanken gänzlich zu verbannen. Oder wie Rupert Schaab, Direktor der Württembergischen Landesbibliothek, im Ausstellungsband schreibt: «Zutreffendes Wissen scheint sich durchzusetzen.» Denn da sei es wie beim Sonnenlicht: Man kann es zwar aussperren, aber nicht abschaffen.