Religion in Bewegung
Isabell Schenk-Weininger
Galerieleiterin Isabell Schenk-Weininger vor dem Werk „St. Paul #919“ von Martin Assig. Es gehört zur Werkgruppe „St. Paul“, die mehr als 1000 Werke umfasst.
Ausstellung zeigt Religion aus der Perspektive
Bietigheim (epd)

Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen zeigt ab 21. März die Ausstellung «Unglaublich! Zeitgenössische Kunst in den Sphären der Religion». Präsentiert werden Arbeiten von elf Künstlerinnen und Künstlern mit unterschiedlichen religiösen oder weltanschaulichen Hintergründen - von christlich, jüdisch und muslimisch bis agnostisch oder atheistisch. Kuratiert wurde die Schau von den in Berlin lebenden Künstlern Matthias Beckmann und Roland Stratmann, die auch mit eigenen Werken vertreten sind.

Die Ausstellung verstehe Religion als ein Phänomen, das nicht mehr allein an bestimmte Orte gebunden sei. Sie werde durch Kolonialisierung und Migration in neue, teils gegensätzliche Kontexte gestellt, erklärte Galerieleiterin Isabell Schenk-Weininger.

Adam und Eva werden Figuren der Oglala Sioux gegenübergestellt

Roland Stratmann collagiert für seine Werke historische Postkarten. Darauf zeichnet er Motive von bekannter Kunst mit religiösen Themen. Christlichen Motiven wie Adam und Eva stellt er Bilder aus anderen Kulturkreisen gegenüber, etwa Figuren der Oglala Sioux, die im 19. Jahrhundert in der «Buffalo Bill s Wild West Show» in Europa auftraten. «Damit verschiebe ich den Blick auf andere Perspektiven», sagte der Künstler.

Auch Ana Hupe thematisiert Verschiebungen von Bedeutungen. «Sie beschäftigt sich mit religiösen Objekten aus Südamerika und Westafrika, die im 19. Jahrhundert durch Raub, Ankäufe und Geschenke in deutsche Museen gelangten», führt Schenk-Weininger aus. Mythisch installierte Stoffbahnen zeigen Museumsregale, in denen diese Objekte einsortiert sind. «Durch deren silhouettenhafte Darstellung wird sowohl ihre museale Präsentation als auch ihr Verlust sichtbar», erläutert die Galerieleiterin.

Kurator Beckmann richtet den Blick ebenfalls auf den Umgang mit religiöser Kunst im Museum. In Aquarellen hält er Präsentationsformen in Berliner Sammlungen fest und zeigt religiöse Werke im sachlichen Ausstellungskontext mit Beschriftungen, Rahmen und Vitrinen. «Dies verdeutlicht die Distanz zwischen ursprünglicher religiöser Funktion und heutiger Betrachtung», erklärt der Künstler seine Idee.

Videoinstallation zeigt Umgang mit nicht mehr gebrauchten Heiligen Schriften

Migration und Identität sind weitere Themen der Schau. Die israelische Künstlerin Michal Fuchs setzt sich in ihrem Ensemble filigraner Skulpturen mit dem Titel «Der wandernde Jude» mit ihrer jüdischen Identität auseinander. Diese Reflexion habe laut Wandtext erst mit ihrem Umzug von Israel nach Deutschland begonnen. Ihre Arbeit greift das Bild der widerstandsfähigen Dreimasterblume auf und verweist auf Anpassungs- und Überlebensprozesse. Der Titel spielt darauf an, dass gegenwärtig viele junge Menschen Israel verlassen.

Auch Anahita Razmi, Tochter eines Iraners und einer Amerikanerin, verbindet in dem Werk «Talismanic Polarities» kulturelle und religiöse Bezüge. Sie zeigt Talismanhemden aus dem islamischen Kulturraum, denen eine schützende Wirkung zugeschrieben wird, und kombiniert sie mit Kunststoff-Buttons mit politischen und humorvollen Botschaften.

Den Abschluss bildet die Videoinstallation «TBQ» (Abkürzug auf Engelisch für Torah, Bible, Quran) von Nezaket Ekici und Shahar Marcus, die den Umgang mit nicht mehr gebrauchten Exemplaren der heiligen Schriften in den abrahamitischen Religionen Islam, Christentum und Judentum thematisiert, der ein sehr unterschiedlicher ist. Laut Schenk-Weininger hätten sich die Kuratoren bewusst für diesen Schlusspunkt entschieden: «Dieses Werk vereinigt in der Kombination von Ritual und Performance am stärksten die thematische Vielfalt der Ausstellung». 

 

Von Lilli Weber (epd)