Der Schriftsteller George Orwell (1903-1950) ist mit Büchern wie «Farm der Tiere» und «1984» weltberühmt geworden. Dass er auch Kolumnen verfasste, ist eher unbekannt. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erklärt der Orwell-Experte Geoff Rodoreda von der Universität Stuttgart, warum diese Texte wichtig sind, und was sie über den britischen Journalisten und Literaten aussagen.
epd: Herr Rodoreda, seit etwa Mitte Feburar ist das Buch «Zeilen der Zeit» (Reclam-Verlag, Ditzingen) auf dem Markt, das erstmals einige Kolumnen von Orwell und andere Texte auf Deutsch veröffentlicht. Welche Themen behandelt der berühmte Schriftsteller darin?
Geoff Rodoreda: Der Großteil von Orwells «As I Please - Kolumnen, die für die Zeitschrift »Tribune« verfasst und für dieses Buch übersetzt wurden, erschien im Laufe des Jahres 1944. Der Zweite Weltkrieg war noch in vollem Gange. Die Kolumnen stecken voller unterhaltsamer und informativer Einblicke in die politische und öffentliche Meinung zu Krieg, Meinungsfreiheit, Demokratie, Nazi-Propaganda, der Zukunft Deutschlands, Antisemitismus in Großbritannien und US-amerikanischen Soldaten in Großbritannien. Aber sie geben auch Einblicke in die Konsumkultur Englands in dieser Zeit, thematisieren schwindende Traditionen und Kindheitserinnerungen von Orwell sowie viele andere Themen.
Gespräche in Pubs und auf der Straße
epd: In der Zeit, in der George Orwell seine Kolumnen schrieb, verfasste er auch seinen ersten Erfolgsroman, »Farm der Tiere« und nach dem Zweiten Weltkrieg sein Meisterwerk »1984«. Gibt es hier einen inhaltlichen Zusammenhang?
Rodoreda: Orwell schöpft für das Material für seine Kolumnen auch aus Gesprächen mit Londonern in Pubs und auf der Straße. Er begrüßt die Debatte mit den Lesern der »Tribune«, mit denen er in einen schriftstellerischen Dialog tritt, indem er recht kritische Leserbriefe veröffentlicht, die seine eigenen Ansichten oder die Politik der Kriegszeit anprangern. Dabei verfasst Orwell nicht nur einige seiner besten Kurztexte. Sondern nutzt sie auch als Forum, um mit Ideen zu experimentieren, von denen einige zu Konzepten, Ideen und Anliegen heranreifen, die Eingang in seinen letzten Roman »1984« finden.
Notizbücher und Briefe
epd: Welche Bedeutung haben die Kolumnen »As I Please« aus dem »Tribune" im Gesamtwerk von George Orwell?
Rodoreda: Orwell verwendete zwar Notizbücher, um Ideen festzuhalten, und war auch ein produktiver Briefeschreiber. Er führte jedoch kein Tagebuch im klassischen Sinne, weder für sich selbst noch für die Nachwelt. In dieser Hinsicht kommen Orwells Kolumnen in Bezug auf Inhalt, Stil und Regelmäßigkeit ihrer Veröffentlichung dem am nächsten, was man als Orwells öffentliches Kriegstagebuch bezeichnen könnte: Aus diesen Kolumnen gewinnen wir wahrscheinlich mehr Einblick in Orwell als Schriftsteller, Denker und Geschichtenerzähler als aus jeder anderen Reihe von Werken, die er verfasst hat.