Mysterien des Alltags
Raphaella Spence
Raphaella Spence vor ihren Bildern aus der Serie „ Ocean Waste“ (beide 2025) - links „Superman vs. Spiderman“, rechts „Harry Potter and Friends“
Fotorealismus-Ausstellung im Museum Frieder Burda
Baden-Baden (epd)

Ab 28. Februar präsentiert das Museum Frieder Burda eine Überblicksausstellung über den Fotorealismus unter dem Titel «Wettstreit mit der Wirklichkeit - 60 Jahre Fotorealismus». Zu sehen sind 90 Werke von mehr als 30 Künstlerinnen und Künstlern von den 1960er Jahren bis heute. Eine Ausstellung vergleichbarer Größe zeigte
2012/2013 die Kunsthalle Tübingen.

Das Besondere der Ausstellung besteht darin, den Fotorealismus nicht als abgeschlossene Epoche, sondern in seiner Fortsetzung bis in die heutige Zeit zu präsentieren: «Ich arrangiere in meinem Atelier bunte Spielzeugfiguren in einem Wasserbecken und male dieses Arrangement ab, um auf die zunehmende Verschmutzung der Weltmeere hinzuweisen», sagt die New Yorker Künstlerin Raphaella Spence (geboren 1978) bei der Pressekonferenz vor ihrem Werk «Harry Potter and Friends» (2025) aus der Serie «Ocean Waste».

Besondere und belanglose Momente

In einem Punkt hat der Fotorealismus die Rolle der früheren analogen Fotografie übernommen: Als Fotos noch kostspielig waren, wurde nur festgehalten, was als bemerkenswert galt. Durch Kodak wurde die Fotografie zum Massenprodukt. Neben die besonderen Momente traten die belanglosen. Hier setzte der Fotorealismus ein. Da Fotorealisten nach fotografischen Vorlagen anfertigen, wohnt dieser Kunst der Beweischarakter der Fotografie inne, verleiht seinem Motiv aber durch seine meisterhafte Darstellung einen größeren Nachdruck.

Die fotorealistischen Gemälde der ersten Stunde zeigen die amerikanische Wirklichkeit seit den 1960er Jahren, nämlich die Konsum- und Vergnügungswelt der Nachkriegszeit: Leuchtreklamen, Sport, Reihenhäuser, Autos. Zudem ging es den Malern darum, bestimmte im Stadtbild entdeckte Kompositionen festzuhalten, etwa das Arrangement von Schriftzügen und Leuchtreklamen.

Glänzendes Chrom, illusionistische Architekturen

Ein weiteres Augenmerk richteten sie auf Gegenstände, an denen sie ihre künstlerische Meisterschaft demonstrieren konnten: glänzendes Chrom von Motorrädern und Zellophanfolie, detaillierte Stadtansichten oder illusionistische Architekturen. Denn die zentrale Frage jener Zeit lautete, wie zeitgemäße Meisterschaft aussehen kann, ohne altertümlich zu wirken.

Dominant war damals der abstrakte Expressionismus mit seiner vollständig ungegenständlichen Kunst. Die Fotorealisten beantworteten diese Herausforderung, indem sie nicht die Gegenstände selbst abmalten, sondern zwischen sich und die Realität fotografische Bilder stellten. «Das ist für unsere Auswahl das Hauptkriterium gewesen», sagt Museumsdirektor Daniel Zamani, «dass alle Gemälde in Bezug zur Fotografie stehen».

Modern war zudem, dass der Alltag zum Bildgegenstand wurde, der lange Zeit als nicht kunstwürdig galt. Zunächst war diese Kunstrichtung ein rein amerikanisches Phänomen, breitete sich aber seit den 1970er Jahren international aus - besonders, nachdem der Fotorealismus 1972 durch die Documenta 5 «Befragung der Realität - Bildwelten heute» in den Kunstkanon aufgenommen wurde.

Tausende Vorlagen benutzt

«Das digitale Zeitalter hat die Kunst des Fotorealismus dahingehend verändert, dass die Künstler eine Unzahl, manchmal sogar tausende Vorlagen nutzen», erklärt Zamani. So sei auch Raphaella Spence vorgegangen bei einem Bild, das das Museum Frieder Burda darstellt und das eigens für diese Ausstellung geschaffen wurde. «Mein Vater und mein Großvater waren Architekten. Daher gehört Architektur zu meinen vorrangigen Motiven», erklärt die aus Italien stammende Künstlerin. 

 

Von Lilli Weber (epd)