Kunstmuseum Stuttgart: Vom Märchen zur Moderne
Künstlerin Turato
Nora Turato setzt sich in ihrem eigens für die Ausstellung geschaffenen Werk „Warm Heart Long Arms“ mit der Frage auseinander, was ein kaltes Herz eigentlich ist.
Kunst vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart
Stuttgart (epd)

Das Kunstmuseum Stuttgart widmet sich unter dem Titel «Das kalte Herz» der künstlerischen Auseinandersetzung mit Wilhelm Hauffs Schwarzwaldmärchen aus dem Jahr 1827. Aufgrund von Umbauarbeiten ist die Ausstellung im Kunstgebäude am Schlossplatz zu sehen. Präsentiert werden rund 16 künstlerische Positionen vom 19.
Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Für den 2023 berufenen Kurator für Gegenwartskunst, Dierk Höhne, ist es die erste Ausstellung im Haus. «Mir war wichtig, dass das Kunstmuseum Stuttgart trotz der Bauarbeiten in der Öffentlichkeit präsent bleibt», sagte der Kulturwissenschaftler der Presse. Auf der Suche nach einem Thema mit regionalem Bezug sei er auf Hauffs Kunstmärchen gestoßen. Dessen überzeitliche Motive sollten als Ausgangspunkt dienen, um gegenwärtige Fragen zu spiegeln.

Höhne sieht Parallelen zwischen der Entstehungszeit des Märchens und der Gegenwart. Während die Menschen zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Umbrüche der Industrialisierung erlebten, befinde sich die Gesellschaft heute im Zuge von Digitalisierung und technologischer Transformation erneut im Wandel.

Das Herz gegen einen Stein getauscht

In dem romantischen Märchen von Wilhelm Hauff (1802-1827) tauscht der mittellose Köhler Peter Munk sein Herz gegen einen Stein ein, um zu materiellem Reichtum zu gelangen. Die Kunstwerke beleuchten die «Metathemen» der Erzählung: Ökologische Ausbeutung, weil in dem Märchen der Schwarzwald für den niederländischen Schiffsbau abgeholzt wird; Identität, da Munk nach Anerkennung in der materiellen Welt sucht; Gewalt und Heilung, da er sein Herz verkauft und damit auch - als letztes Thema - seine Affekte verliert.

Zeitgenössische Arbeiten verdeutlichen die Aktualität dieser Themen. Das Spektrum reicht von feministischen Perspektiven über die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt bis hin zur Aufarbeitung kolonialer Geschichte. Ergänzend dokumentieren Vitrinen die Rezeptionsgeschichte des Märchens, darunter historische Buchausgaben sowie Materialien zu dessen Verfilmungen. Die aktuellen Positionen werden mit historischen Werken aus dem 19. Jahrhundert kombiniert.

Verletzlichkeit und Wunsch nach Schutz

Im Zentrum der Ausstellung steht die großformatige Skulptur in Form eines Herzens aus Holz. Das Werk «Protected but Penetrable» des 1991 geborenen Künstlers Rasmus Myrup von 2024 besteht aus einem naturbelassenen Baumstück, an dem die Ansätze abgesägter Äste sichtbar sind. Teile des Holzes sind mit Metallplatten überdeckt. Die offenen Partien stünden für Verletzlichkeit, die verhüllten für den Wunsch nach Schutz, erläutert Höhne.

Im Kuppelsaal sind Arbeiten des 1997 geborenen Künstlers Pol Taburet zu sehen, der Einflüsse des europäischen Surrealismus mit Bildwelten der Karibik verbindet. Seine Skulpturen zeigen hybride Wesen zwischen Mensch und Tier. Speziell für die Ausstellung entstanden sind zudem die großformatigen Arbeiten von Nora Turato (Jahrgang 1991) unter dem Titel «Warm Heart Long Arms», in denen Sprache und gestische Elemente farbenfroh verschränkt werden. Eine weitere eigens entwickelte Installation stammt von Julius Pristauz (Jahrgang 1998), dessen aus Bürostellwänden bestehende Arbeit «sketch for navigating all that we peceive as given» durch die Bewegung der Besucher aktiviert wird.

Ergänzung durch historische Gemälde

Ergänzt wird die Schau durch historische Gemälde zur frühen industriellen Nutzung von Naturressourcen. Zu sehen sind unter anderem Darstellungen von Köhlern und Steinbrechern des Genremalers Jakob Grünewald (1822-1896) sowie Werke des Stuttgarter Kunstprofessors Friedrich von Keller (1840-1914). 

Von Lilli Weber (epd)