Berlinale-Chefin Tricia Tuttle bleibt im Amt. Zugleich soll das Filmfestival ein „beratendes Forum“ und einen „Verhaltenskodex“ an die Seite gestellt bekommen. Das sind die wesentlichen Ergebnisse einer außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsgremiums der Internationalen Filmfestspiele Berlin am Mittwoch im Bundeskanzleramt.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) dankte Tuttle für deren Bereitschaft, die Berlinale weiterzuleiten. Zugleich bedauerte das Aufsichtsgremium „die Überlagerung künstlerischer Arbeit der jüngsten Berlinale durch politischen Aktivismus“, wie es in einer Pressemitteilung heißt.
Antiisraelische Proteste
Hintergrund für die Debatte um die Zukunft der Berlinale-Chefin waren anti-israelische Proteste von Künstlern während der Filmfestspiele. Daraufhin wurden Rücktrittsforderungen gegenüber Tuttle laut. Zugleich erhielt die 56-jährige US-Amerikanerin Rückendeckung aus dem In- und Ausland.
Tuttle selbst hatte schon zu Wochenbeginn erklärt, dass sie weitermachen wolle. Die Internationalen Filmfestspiele gehören zum Geschäftsbereich der „Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH“ (KBB). Deren Aufsichtsratsvorsitzender ist aktuell Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos).
Empfehlungen und konstruktiver Dialog
Die Berlinale-Intendantin erklärte nach der Aufsichtsratssitzung, das Gremium habe „eine Reihe von Empfehlungen ausgesprochen, die wir sorgfältig prüfen werden“. Sie dankte „für den konstruktiven Dialog“ und dafür, dass der Aufsichtsrat „die Bedeutung der Unabhängigkeit unserer Arbeit erneut hervorgehoben hat“.
Laut Pressemitteilung sollen diese „Empfehlungen“ das Festival stärken. Ziel sei es, die Berlinale langfristig weiterzuentwickeln und „im Hinblick auf gesellschaftliche Akzeptanz und wirtschaftliche Stabilität abzusichern“. Welche Empfehlungen dies sind, wurde nicht mitgeteilt.
Weg aus der Krise
Weimer betonte, Tuttle habe „in den zurückliegenden Monaten mit viel Energie wesentliche Weichenstellungen vorgenommen und der Berlinale den Weg aus einer sich bereits länger abzeichnenden Krise gewiesen“. Mit den jetzt beschlossenen Empfehlungen sei der Grundstein gelegt zur Stärkung der gesellschaftlichen Akzeptanz des Festivals: „Die Kunst und die Künstler sollen wieder im Zentrum der Berlinale stehen“, betonte Weimer.
Tricia Tuttle ist seit 2024 Intendantin der Filmfestspiele. Die am 22. Februar zu Ende gegangene 76. Berlinale war die zweite Festivalausgabe unter ihrer Leitung.
Proteste gegen Gaza-Krieg
Bei der Preisgala am 21. Februar hatte der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib Deutschland auf offener Bühne vorgeworfen, an einem Genozid in Gaza mitzuwirken. Der Regisseur, der 2019 als Flüchtling aus Syrien nach Deutschland kam, sagte zudem: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.“ Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ daraufhin den Saal.
Bereits während des Festivals hatte ein offener Brief von rund 80 Filmschaffenden, darunter die britische Schauspielerin Tilda Swinton, die Berlinale wegen „institutionellen Schweigens“ zum Gaza-Krieg kritisiert.