Rockstar ist der "geilste Beruf" - Udo Lindenberg wird 80
Münster, Berlin (epd).

Ohne ihn ist die deutsche Rock- und Pop-Musik nicht denkbar. Mit „Alles klar auf der Andrea Doria“ oder dem „Sonderzug nach Pankow“ hat Udo Lindenberg den Beweis angetreten, dass Rockmusik mit deutschen Texten nicht nur cool, sondern auch erfolgreich sein kann. Mit seiner unverwechselbaren Sprache mischt Udo seit Jahrzehnten mit, engagiert sich für Frieden, Toleranz, Zusammenhalt oder das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland. Am 17. Mai wird er 80 Jahre alt.

Ende April wurde in Hamburg die Ausstellung „Udoversum“ eröffnet, sie würdigt den selbsternannten Panikrocker mit persönlichen Notizen, Bühnenoutfits, Instrumenten und bislang unveröffentlichten Fundstücken. Dass seine Songs auch heute noch aktuell sind, beweist das Tribute-Album „We Love Udo“, das am 8. Mai erscheint und auf dem 24 Künstler Lindenberg-Stücke interpretieren, von Tokio Hotel über Jan Delay und The Boss Hoss bis Johannes Oerding.

„Ich bereue keine Sekunde“

Rockstar zu sein, sei der „geilste Beruf, den es gibt“, sagt der Musiker in der aktuellen ARD-Doku „Rebell, Rockstar, Ikone“. „Wenn man jetzt mal bedenkt, 50, 60 Jahre Karriere - ich bereue keine Sekunde.“ Und Lindenberg lässt keinen Zweifel daran, dass er es auch mit 80 Jahren nicht ruhiger angehen lassen wird. Eine nächste Tournee sei schon in Planung, sagte er in einem Interview zur Udo-Ausstellung: „Wir sind ja Rampensäue, sind ja Bühnenvögel.“ Und die Begierde sei „richtig groß“.

„Lindenberg schafft es seit mehr als fünf Jahrzehnten, der deutschen Rockmusik und Popkultur eine frische Perspektive zu geben“, sagt der Münsteraner Musikwissenschaftler Michael Custodis. Bekanntzuwerden und sich eine Karriere aufzubauen, sei bereits beeindruckend. „Eine solche Karriere aber über viele Jahrzehnte am Laufen zu halten - mit allen Aufs und Abs - ist äußerst selten.“

Song „Komet“ erste Nummer-eins-Hitsingle

Lindenberg hat in seiner Laufbahn jede Menge Höhen, aber auch Abstürze überlebt. Inzwischen hat er seine Alkoholexzesse hinter sich gelassen und ist seit Jahren wieder ganz oben: Sein Comeback-Album „Stark wie zwei“ (2008) und der Nachfolger „Stärker als die Zeit“ (2016) landeten ebenso an der Spitze der Albumcharts wie seine beiden in Hamburg aufgenommenen „MTV Unplugged“-Livealben von 2011 und 2018. Der Song „Komet“ mit dem deutschen Rapper Apache 207 von 2023 wurde die erste Nummer-eins-Hitsingle in seiner Karriere.

Anfang der 70er Jahre habe es an deutschsprachiger Musik „fast nur so Schlagermist“ gegeben, erinnert sich Lindenberg: „Dem musste man was entgegensetzen.“ Seine Redewendungen in „Udo-Deutsch“ gehören schon zum Alltagsdeutsch: „keine Panik auf der Titanic“, „alles unter Kontrolle“, „mit dem Sakko nach Monaco“. Für seine Verdienste um die deutsche Sprache erhielt er im Jahr 2010 den Jacob-Grimm-Preis.

Wohnsitz Hotel Atlantic Hamburg

Seit Jahren residiert Udo Lindenberg überwiegend im Hamburger Hotel Atlantic. Er selbst strickte in seinem ersten großen Hit Anfang der 70er Jahre „Hoch im Norden“ noch die Legende, dass er hoch im Norden, hinter den Deichen, geboren sei und nicht in Gronau in Westfalen.

Udo Gerhard Lindenberg kam 1946 zur Welt und wuchs mit drei Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen auf. Schon als Kind begann er, auf Fässern Rhythmen zu schlagen. Der damals bereits berühmte Jazz-Saxofonist Klaus Doldinger engagierte ihn als Schlagzeuger für seine Formation „Passport“. Der Durchbruch gelang ihm dann 1973 mit der Platte „Alles klar auf der Andrea Doria“.

Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehört das Bundesverdienstkreuz, das er 1989 für Verdienste um die Verständigung zwischen Ost und West erhielt. Seine Heimatstadt Gronau ernannte ihn zum Ehrenbürger, Fans ließen ihm dort ein Udo-Denkmal errichten. Lindenberg, der seit einiger Zeit auch zeichnet, stieß außerdem die Gründung des Gronauer „Rock’n’Popmuseums“ an.

Früh die deutsch-deutsche Teilung thematisiert

Mit Songs wie „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein (Mädchen aus Ost-Berlin)“ von 1973 oder „Sonderzug nach Pankow“ von 1983 hat er früh die deutsch-deutsche Teilung thematisiert. Hinter den Kulissen habe er zudem wie ein geschickter Diplomat Kontakte zu hochrangigen Politikern in Ost und West genutzt, erklärt Custodis. Lindenberg habe mit seiner Prominenz viel dazu beigetragen, Spaltungen zu überwinden und Menschen näher zusammenzubringen. 1983 trat er erstmals in Ost-Berlin auf, fand sich allerdings vor einem ausgewählten Publikum der DDR-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ). Konzerte für seine Fans im Osten durfte er dann erst in den letzten Monaten der DDR geben.

„Lindenberg bietet uns einen außergewöhnlichen roten Faden durch die deutsch-deutsche Geschichte“, erklärt Custodis, der an einem Buch zum Thema Lindenberg und die DDR arbeitet, das Ende des Jahres erscheinen soll. Der Musiker habe Menschen miteinander in Beziehung gebracht. Lindenberg selbst sagte bei der Eröffnung der Hamburger Ausstellung: „Du gehst an meinen Bildern vorbei oder checkst meine Songs durch, dann hast du ein ganz gutes Bild von der Bunten Republik Deutschland.“ Bei diesem Anlass lud er auch schon mal zu einer Tournee zu seinem 100. Geburtstag ein - für das Jahr 2046.

Von Holger Spierig (epd)