Im Halberstädter Domschatz eröffnet am Freitag die Sonderausstellung „Stoffe mittelalterlicher Vogelwelten“. Für das Kooperationsprojekt mit dem Vogelkundemuseum Heineanum ziehen vorübergehend ein Dutzend Vogelpräparate in die Textilausstellung des Dommuseums ein, sagte Museumsdirektorin Uta-Christiane Bergemann am Donnerstag.
Die Sonderschau veranschauliche an ausgewählten Gewändern und Wandteppichen die mittelalterliche Welt der Vögel, die ein wichtiges Motiv in den gewebten und gestickten Motiven waren. Dem gegenüber stehen zwölf lebensechte Vogelpräparate, etwa von Seeadler, Turteltaube, Kranich, Nymphensittich und Pelikan.
Adler und Falken als Symbole der Macht
Vögel hätten in der Symbolik mittelalterlicher Textilien klare Zuschreibungen gehabt. In den gewebten Seidenstoffen der Bischofsgewänder seien dies eher herrschaftliche Motive wie Jagd- oder Kampfszenen mit Adlern oder Falken als Symbole für Macht oder Kraft, sagte Bergemann. So fände sich auf einer bestickten Bischofsmitra aus dem 14. Jahrhundert die seltene Darstellung eines Rotmilans, sagte Vogelkundler Rüdiger Becker, Direktor des Heineanums. Dieser in Sachsen-Anhalt weitverbreitete Greifvogel sei auch als Gabelweihe bekannt.
Die Ausstellung wolle auch über die alltägliche Funktion der Vögel als Jagdtiere, Nahrungsmittel und Wachtiere sowie über ihre bildliche Verwendung und Symbolik informieren. So sei der starke Adler nicht nur als Bild der Macht oder kostbarer Jagdvogel zu verstehen, sondern auch für das geflügelte Wort Gottes, hieß es. Deshalb fände sich in vielen Gotteshäusern ein Pult in Adlerform, auf dem die Bibel läge, sagte Bergemann. Im Domschatz werde ein solches Adlerpult und eine Lesepultdecke mit Adlermotiven als kostbare Seidenstickerei um das raumgreifende Präparat eines Seeadlers ergänzt.
Vom Pelikan bis zum Phönix
Hingegen finden sich Darstellungen der christlichen Ikonografie vor allem auf gewirkten Teppichen oder bestickten Textilien für die gottesdienstliche Nutzung. Hier gehe es oft um Werte wie die Selbstaufopferung Christi, die Liebe Gottes oder die Reinheit und Schönheit Mariens, sagte Direktorin Bergemann. „So stehen Turteltauben als Symbol ewiger Liebe und Treue und werden oft im Umfeld von Maria dargestellt.“ Hingegen stehe die vom Himmel herabfliegende Taube als Bild für den Heiligen Geist.
Bekannt ist zudem der Pelikan, der sich nach mittelalterlicher Legende die Brust aufkratzt, um mit dem eigenen Blut seine Kinder zu nähren. Deshalb taucht dieses Motiv oft bei Kreuzigungs- und Auferstehungsmotiven auf. Auf dem Marienteppich im Halberstädter Domschatz sieht man zudem einen Nymphensittich, der als Zeichen der Reinheit unmittelbar neben der Mutter Jesu dargestellt ist. Er habe oft als eine Art Paradiesvogel gegolten, sagte Rüdiger Becker.
Mehr als 500 textile Kostbarkeiten
Mit mehr als 1.250 Kunstwerken ist der Domschatz nach eigenen Angaben das größte Ensemble mittelalterlicher Sakralkunst außerhalb des Vatikans. Allein der Textilbestand umfasst mehr als 500 Objekte, darunter 86 geistliche Gewänder, gestickte Altartücher und die ältesten gewirkten Bildteppiche der Welt.