Riefenstahls Bilder mit Nuba-Volk aufgearbeitet
Berlin (epd).

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) ordnet mit einer neuen Website den Nachlass der Regisseurin und Fotografin Leni Riefenstahl (1902-2003) über das sudanesische Volk der Nuba ein. Dabei gehe es „nicht darum, die Nuba-Bilder nochmal in der Welt zu publizieren“, sagte der Leiter der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek, Ludger Derenthal, am Freitag in Berlin. Das Vorhaben widmete sich den mehr als 10.000 Fotografien und Filmen, die Riefenstahl, die in der NS-Zeit Karriere machte, in den 1960er und 1970er Jahren im Sudan anfertigte.

Ziel der in mehrere Teilprojekte untergliederten Forschung sei gewesen, die Sichtweise der Angehörigen der Nuba-Gesellschaften auf diese Arbeiten in den Fokus zu rücken. Riefenstahl fotografierte die Menschen in den Nuba-Bergen, ohne dass diese wussten, wie diese Bilder verwendet würden. Sie veröffentlichte 1973 das Fotobuch „Die Nuba“ und 1976 „Die Nuba von Kau“.

Lebende Personen identifiziert

Die Kulturanthropologin Paola Ivanov sagte mit Blick auf das Forschungsprojekt, „die Zusammenarbeit hat dem Volk der Nuba Handlungsmacht verliehen“. So hätten die auf den Fotos dargestellten Personen ihr Recht am eigenen Bild erhalten. Zudem seien neue Erzählungen entwickelt worden, die mit den kolonial-rassistischen Narrativen von Riefenstahls Bildern brechen. Im Rahmen des Projekts gab es unter anderem Forschungsreisen in die Nuba-Berge.

Dabei hätten unter anderem die Forscher Towhid Tabasa und Mohamed Bakhit die dortigen Kau Nyaro Gesellschaften am südöstlichen Rand der Nuba-Berge besucht. Sie interviewten dort die noch lebenden Personen, die sie auf den Bildern in Riefenstahls Büchern identifiziert hatten. Ein Nuba habe demnach über Riefenstahl gesagt: „Wir hielten sie für eine idiotische Person, die einfach stundenlang herumlief, während wir mit unseren Zeremonien beschäftigt waren.“

Ampelsystem entwickelt

Für viele Fotografierte stelle ihre damalige Nacktheit auf den Fotos ein Problem dar, heißt es auf der neuen Projektseite. Geschlechtsteile sollten geschwärzt werden, forderten sie. Das Forschungsprojekt entwickelte demnach ein „Ampelsystem“ zur Klassifikation: Fotos für die Öffentlichkeit, für Forschungszwecke und nur für den engsten Kreis, etwa Familienangehörige. Für einige Nuba hätte der Nachlass auch positive Seiten gehabt, etwa, dass die Fotos Szenen von mittlerweile in Vergessenheit geratenen Traditionen bewahrten.

Ab dem 22. Mai setzt sich die Sonderausstellung „Inside Archives“ von Studierenden der Universität der Künste kritisch mit Riefenstahls Material von den Nuba auseinander. Dabei sollen Audio-, Film-, installative und diskursive Formate eingesetzt werden.

Der SPK wurden 2018 mehr als 700 Kisten mit Fotos, Filmen, Notizen, Briefen und weiteren Dokumenten Riefenstahls als Schenkung überlassen. Riefenstahl habe ihren Nachlass laut SPK dazu benutzt, sich als unpolitische Künstlerin zu inszenieren. Als Regisseurin verfilmte sie in der NS-Zeit unter anderem Propagandafilme über mehrere Reichsparteitage und die Olympischen Spiele von 1936 in Berlin.

Von Jonas Grimm (epd)