"Inklusion schmeckt"
Ein Diakonie-Betrieb etabliert sich in der Bundestags-Gastronomie
Berlin (epd).

Die Sonne kommt langsam hinter den Wolken hervor und die ersten Touristen finden am späten Vormittag den Weg ins Bistro „Marie“. Kaffee wird bestellt, ein Blick in die Speisekarte geworfen, auf ein Angebot von Currywurst bis Topinambur-Krapfen. Im vergangenen Herbst hat die evangelische Johannesstift-Diakonie das Bistro im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, einem der Bundestagsgebäude, nach ein paar Wochen Probebetrieb eröffnet, um „gelebte Inklusion im Herzen Berlins sichtbar“ zu machen.

Alle Angestellten arbeiten sozialversicherungspflichtig und werden nach Tarif bezahlt. Mehrere Mitarbeitende hätten so den Schritt aus Werkstattstrukturen in den allgemeinen Arbeitsmarkt geschafft, erzählt eine Sprecherin des Sozialträgers: „Die Tätigkeit im Bistro ist reguläre Erwerbsarbeit unter realen Marktbedingungen, mit Qualitätsanspruch, Verantwortung und direktem Kundenkontakt.“

Begegnungsort im Bundestagsumfeld

Ugur Koca koordiniert an dem Tag die Arbeit in dem Lokal mit rund 200 Plätzen auf zwei Etagen. „Unser Ziel war es von Anfang an, einen offenen Begegnungsort im Umfeld des Bundestags zu schaffen, der Gastronomie mit gesellschaftlichem Engagement verbindet“, sagt der 38-Jährige. Den Menschen mit Handicap tue das gut, betont er: „Sie haben so ihre versteckten Schwächen, aber hier blühen sie dann auch ganz gut auf.“

13 Menschen arbeiten dort derzeit, einige von ihnen ohne, einige mit Behinderung, mit seelischen oder anderen Problemen. Benjamin, 40 Jahre alt, Familienvater, ist einer von ihnen. Ein Motorradunfall hat ihn vor ein paar Jahren aus seinem bisherigen Leben katapultiert. Seinen Nachnamen möchte er nicht nennen.

„Ich war Berufskraftfahrer bei der Stadtreinigung und unterwegs zu einer Weiterbildung“, erzählt er. An den Unfall mitten in Berlin erinnert er sich nicht. Er habe ein schweres Schädel-Hirn-Trauma davongetragen, habe Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis, könne nicht mehr in seinem alten Job arbeiten und sei inzwischen Frührentner, sagt der Vater von zwei Kindern. Ein paar Stunden in der Woche arbeitet er nun im Bistro „Marie“ im Service.

„Ich kann immer den Reichstag sehen“

„Inklusion schmeckt“, steht auf dem schwarzen T-Shirt, das Benjamin an dem Tag bei der Arbeit trägt. Manchmal vergisst er, was er gerade tun sollte. Dann geht er zurück und fragt noch einmal nach. Die Arbeit gefalle ihm, sagt er mit trockenem Humor: „Das ist schön, ich kann immer den Reichstag sehen.“

Besonders gut seien die Sitzungswochen im Parlament, erzählt er: „Dann kommen auch Mitarbeiter aus dem Bundestag.“ Beschäftigte der Fraktionen von CDU/CSU, SPD und Grünen seien an den Tagen regelmäßig zu Gast. Für welche Partei sie arbeiten, sei meist an den an Bändern hängenden Bundestagsausweisen zu erkennen.

Auch Prominente aus der Politik haben sich schon blicken lassen, darunter Altbundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Bundesbildungsministerin Karin Prien von der CDU, die frühere Kulturstaatsministerin Claudia Roth von den Grünen, der Linken-Politiker und frühere Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow, seien dagewesen, zählt eine Mitarbeiterin auf: „Und Leute von der 'heute-Show', die im Regierungsviertel unterwegs waren.“

Noch mehr inklusive Arbeitsplätze sollen entstehen

Das Bistro lädt auch zu Kulturveranstaltungen wie Lesungen und Filmabenden ein. Perspektivisch sei geplant, dies weiter auszubauen und auch noch mehr inklusive Arbeitsplätze zu schaffen, sagt Ugur Koca.

Benjamin räumt einen Tisch ab und erzählt von seinen Plänen: Er will wieder Motorrad fahren. „Ich hätte gern Angst davor, hab ich aber nicht“, sagt er: „Ich will es halt einfach.“ Er wolle auch wieder als Berufskraftfahrer arbeiten, erzählt er. Ein paar Hürden habe er schon geschafft. Nun hoffe er, auch die Erlaubnis für seine alten Lkw-Fahrklassen wiederzubekommen. Am Nachmittag taucht die Sonne die Terrasse vor dem Bistro „Marie“ in ihr Licht. Und die Tische sind alle besetzt.

Von Yvonne Jennerjahn (epd)