Die namensgebenden Pappeln sind längst gefällt. Und auch sonst hat sich am Weimarer Wohnhaus des belgischen Künstlers Henry van de Velde (1863-1957) im Laufe der vergangenen 120 Jahre vieles verändert. Seit dem Frühjahr lässt die Klassik Stiftung Weimar das „Haus Hohe Pappeln“ daher aufwendig sanieren.
„Wir möchten künftig auch das Untergeschoss in den Museumsbereich einbeziehen“, sagt die Direktorin Schlösser, Gärten und Bauten, Friederike von Rosenberg. Erst mit der Öffnung des Souterrains für die Besucher lasse sich die für die damalige Zeit einzigartige Funktionsaufteilung des Hauses mit getrennten Bereichen für Repräsentation, Eltern- und Kinderbereichen nachvollziehen. Die Bereiche seien durch Anordnung und Erschließung geschickt miteinander verbunden gewesen.
Zuvor sind jedoch umfangreiche Arbeiten im Untergeschoss und an den Fassaden des Jugendstilgebäudes erforderlich. „Das Haus weist eine Reihe konstruktiver Mängel auf“, sagt die Abteilungsleiterin Bau und Denkmalpflege, Susanne Dieckmann. Van de Velde habe ohne ausreichendes Fundament auf ungewöhnlich nassem Untergrund gebaut. Auch die Abdichtungen der Terrassen seien unzureichend gewesen. Das Haus kämpfe mit erheblichen Feuchtigkeitsproblemen. „Van de Velde war eben Maler, kein Architekt“, sagt Dieckmann. Sie deutet auf einen mit Schwerlaststützen gesicherten Deckenbereich im Spielzimmer in der unteren Etage. Hier befanden sich bislang inzwischen verrostete Stahlträger, die die darüberliegende Terrasse abstützten.
Erhebliche Baumängel
Trotz der Baumängel bleibe das „Haus Hohe Pappeln“ ein Gesamtkunstwerk von hoher kulturgeschichtlicher Bedeutung, betont Kustodin Sabine Walter. Das Haus sei ein wegweisendes Beispiel für den Übergang vom Jugendstil zur Moderne. Van de Velde plante das Haus von innen nach außen. Die Anordnung und Gestaltung der Räume richteten sich danach, wie sie genutzt werden sollten. „Auch die Innenausstattung entwarf er selbst und stimmte sie aufeinander ab. Form und Material folgen dabei vor allem praktischen Anforderungen“, erklärt Walter. Viele originale Bauteile wie Türen, Fenster, Bodenbeläge oder die Treppe in den ersten Stock sind noch vorhanden.
Die aktuelle Sanierung trägt dabei auch zu einem besseren Verständnis des 1907/08 errichteten Hauses bei. Umfangreiche Voruntersuchungen konnten in einigen Räumen Reste der originalen Farbfassungen identifizieren. Ein Schrank der ansonsten weitgehend verlorenen Möblierung des Hauses wird nach der Sanierung ins Museum zurückkehren. „Den hatte ein Weimarer Bürger vor Jahrzehnten vor dem Sperrmüll gerettet und der Stiftung unlängst angeboten“, sagt Walter.
Ein weiterer Glücksfall: Im ehemaligen Spielzimmer der Kinder konnte ein aufgemaltes umlaufendes Ornamentband an den Wänden nachgewiesen werden. „Davon wussten wir bislang überhaupt nichts“, sagt Dieckmann. Historische Fotos habe es bislang nur von den Repräsentationsräumen und dem Garten gegeben.
Gebaut als privates Paradies
Alles aber wird sich nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren lassen. Dafür wurde das „Haus Hohe Pappeln“ zu oft verkauft, umgenutzt und umgestaltet. Neue Eigentümer - darunter auch für Jahrzehnte die Evangelische Landeskirche Thüringen - nahmen Veränderungen vor. Schon 1917 hatte Henry van de Velde als Staatsbürger einer feindlichen Nation im Ersten Weltkrieg Weimar verlassen, seine Familie durfte erst 1919 in die Schweiz ausreisen.
Dieckmann, von Rosenberg und Walter sind überzeugt, dass van de Velde ohne den Krieg noch lange Zeit in Weimar geblieben wäre. „Haus und Garten sind als privates Paradies einer Familie geplant und gebaut worden, die es nie einfach in der Weimarer Gesellschaft hatte“, sagt Dieckmann. Die fünf Kinder waren ungetauft, wurden nach den Vorstellungen der Reformpädagogik von der Mutter Maria zu Hause unterrichtet, hinzu kamen die sozialistischen Ansichten des Vaters. „Das Haus Hohe Pappeln lag damals weit außerhalb der Stadt“, sagt auch Walter.
Die Gesamtkomposition und die Liebe zum Detail zeigten: Hier planten die van de Veldes ein Zuhause, in dem ihre Kinder aufwachsen sollten. Auch das wolle die künftige Ausstellung zeigen, wenn die Sanierung im Jahr 2027 abgeschlossen sein wird.