Farbenfrohe Annäherung an eine große Bauhaus-Künstlerin
Schau "Meine liebste Otte!" wird am Samstag in Halle (Saale) eröffnet
Halle (epd).

Farbenfroh und warmherzig nähert sich die Ausstellung „Meine liebste Otte!“ der Persönlichkeit und dem Werk der Bauhaus-Künstlerin Benita Koch-Otte (1892-1976) an. Die Kunststiftung Sachsen-Anhalt präsentiert ab dem Wochenende Originale der heute wenig bekannten Textilkünstlerin. Gezeigt werde diese gemeinsam mit Werken zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler in den eigenen Räumlichkeiten in Halle (Saale). Diese liegen nur etwa einen Kilometer entfernt von der Kunsthochschule Burg Giebichenstein, an der „die Otto“ vor 100 Jahren die Leitung der Handweberei-Werkstatt übernahm.

„Sie gehört zu den einflussreichsten Textilkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Doch sie steht oft im Schatten ihrer bekannteren Bauhaus-Freundinnen Anni Albers und Gunta Stölzl“, schildert Manon Bursian, die Direktorin der Kunststiftung. „Die Otte“ wieder ans Licht zu holen und ihrem großartigen Werk den berechtigten Raum zu geben, sei ihr und den Kooperationspartnern von der Burg Giebichenstein, den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel sowie dem Historischen Museum Bielefeld und dem Museum Huelsmann in Bielefeld ein besonderes Anliegen gewesen, erklärt Bursian.

„Dunkel und unbekannt“

Zwischen April 1920 und September 1925 ist „die Otte“ am Bauhaus in Weimar und erlernt alles, was es zum Weben braucht. Sie hat den Blick fürs Klare und Wesentliche, aber auch für Formen und Farben, heißt es. Walter Gropius resümiert später, Benita Koch-Otte habe Leistungen vorzuweisen, die „außerordentlich genannt werden“ müssen. Sie gehöre „zu den best ausgebildeten Persönlichkeiten“, die „fähig sind, leitende Stellen in der Textilindustrie“ zu übernehmen. Doch ihre Zeit als Werkstattleiterin auf „der Burg“ über der Saale blieb nur eine Zwischenstation.

Ihre persönliche Geschichte bekommt für die Ausstellungsmacher „in diesen Wochen einen Klang, den wir bei der Planung so nicht vorhergesehen hatten“, erläutert die Direktorin der Kunststiftung. Denn 1933 wurde Benita Koch-Otte von den Nationalsozialisten aus ihrer Position an der Burg Giebichenstein gedrängt, verlor ihre Werkstatt, bezeichnete sich selbst als „vogelfrei“ und musste sich beruflich neu erfinden. Gemeinsam mit ihrem Mann verließ sie Deutschland und ging nach Prag. Doch im Frühjahr 1934 starb ihr Mann bei einem Unfall. Ihrer Freundin Gunta Stölzl schreibt Koch-Otte: Es „ist alles, aber auch alles dunkel und unbekannt“. Selbst für das Weben habe sie keine Lust mehr, „die ist mir gänzlich abhandengekommen“.

„Unsichere Zeiten“

So geht sie schließlich nach Bielefeld und übernimmt die Leitung der Weberei in den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. „Dort findet sie ihre Aufgabe darin, Menschen mit und ohne Beeinträchtigung im handwerklichen Arbeiten anzuleiten und die Weberei weiterzuentwickeln. Ihr Ansatz gilt noch heute als Vorbild für Inklusion“, erzählt Bursian. Sie leistet durchaus Pionierarbeit. Zudem unterrichtet Koch-Otte Farb- und Formenlehre und hinterlässt kunstvolle Teppiche, innovative Entwürfe und zahlreiche Farbstudien, die mittlerweile viele Sammlungen weltweit schmücken.

Angesichts der aktuellen politischen Lage in Sachsen-Anhalt „lesen sich Teile dieser Biografie heute anders, als wir es vor drei Jahren erwartet hätten“, erinnert die Direktorin der Kunststiftung. Es seien unsichere Zeiten, „auch für uns als Stiftung“. Doch „genau deshalb glauben wir, dass es sich gerade jetzt lohnt, diese Ausstellung zu machen“ und die Künstlerin Benita Koch-Otte genauer zu entdecken. Für viele Künstler sei „das Bauhaus heute noch das Maß aller Dinge und eine endlose Inspirationsquelle“. Zugleich lehre das Bauhaus, „dass die Avantgardbewegungen den Mut, die Leidenschaft und die Energie hatten, um in schwierigen Zeiten Neues zu wagen“, betont Bursian.

Von Thomas Nawrath (epd)