Ab Sonntag stellt der Maler Sean Scully erstmals in Ostdeutschland einen umfassenden Ausschnitt seines künstlerischen Schaffens aus. Dem Magdeburger Kunstmuseum sei es gelungen, 34 seiner großformatigen Werke abstrakter Malerei in der Ausstellung „Sean Scully. Lines of Emotion“ zu vereinen und für sechs Monate im früheren Prämonstratenserkloster auszustellen, teilte das Museum am Donnerstag in Magdeburg mit. Der 1945 in Dublin geborene Scully gelte „als einer der einflussreichsten Künstler der Gegenwart“, sagte Museumsdirektorin Annegret Laabs.
Mit seiner „unverkennbaren Handschrift aus kraftvollen Farbfeldern und rhythmischen Streifen“ habe er sich weltweit einen Platz in den großen Museen und Sammlungen erobert. In der Malerei der vergangenen 50 Jahre nehme der irische Künstler eine zentrale Position ein. Das Museum wollte nicht einfach eine Retrospektive des langen Wirkens Scullys ausstellen, sagte Laabs. Gemeinsam mit dem Künstler seien Werke ausgewählt worden, die prägend für sein Wirken seien und im vierflügeligen Kreuzgang mit seinen 30 Meter langen Wänden besonders gut zur Geltung kommen.
Wichtigste Werke der vergangenen 30 Jahre
Zu sehen seien in der Magdeburger Ausstellung deshalb Scullys wichtigste Werkgruppen der letzten 30 Jahre, hieß es. So lehnte er sich in der Serie „Dorics“ an die klassischen Proportionen griechischer Tempel an, um Athen als Wiege der Demokratie und die daraus resultierenden westlichen Werte zu zeigen. Es dominieren Grautöne und Hell-Dunkel-Abstufungen, die auch die Solidität und Ordnung wie bei einem Fundament verdeutlichen.
Auch die Serie „Wall of Lights“ ist geprägt von großformatigen Werken mit blockartigen Mustern, die an Ziegelsteine erinnern. Jedoch strotzen die Werke „Königin der Nacht“, „Queen“ oder „Pink Pablo“ geradezu von kraftvollen Farbflächen. Diese großformatigen Gemälde bildeten „den absoluten Höhepunkt seines Stils“, sagte Laabs.
Corona-Erfahrungen wurden zu dunklen Fenstern
Seine Erfahrungen aus der Coronazeit verarbeitete Scully in der Serie „Dark Windows“, von der fünf Werke in der Magdeburger Ausstellung gezeigt werden: Ein dunkles, fast schwarzes Fenster im Zentrum des Bildes erscheint nicht als Öffnung zur sichtbaren Umwelt, sondern scheint in einen unbestimmten, nicht greifbaren Raum zu führen, erläuterte Laabs. Die in den Monaten der Isolation erfahrene Leere und Abwesenheit stehe dabei dem romantisch aufgeladenen, farbigem Bildhintergrund gegenüber.
Ganz im Kontrast zu den strengen geometrischen Formen der typischen Scully-Gemälde steht die Reihe „Eleuthera“, die sich intensiv auf den deutschen Expressionismus von Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Ludwig Kirchner bezieht, sagte die Museumsdirektorin. Zu sehen seien sehr farbstarke Abstraktionen vom Spielen mit seinem Sohn am Strand der Bahamasinsel.
Greifbares Leid von Schusswaffenbesitz
Den Abschluss der Ausstellung bilden drei stilisierte US-Flaggen aus der Serie „Ghost“. Scully verarbeitete in überwiegend düsteren Farben und mit dem Symbol herabgefallener Sterne aus der Flagge das Drama um den jungen Tamir Rice. Dieser fuchtelte mit einer Spielzeugpistole herum, als ihn 2014 ein Polizist erschoss. Das Leid, welches vom Schusswaffenbesitz ausgeht, soll dabei greifbar werden.