Ein Herzog als Theater-Revolutionär
Vor 200 Jahren wurde Georg II. von Sachsen-Meiningen geboren
Meiningen (epd).

Am Ende der Theaterprobe steckte Georg II. seine Soldaten in Filzpantoffeln. Als künstlerischer Leiter und Regisseur der bevorstehenden Inszenierung der „Hermannsschlacht“ von Heinrich von Kleist (1777-1811) dauerten ihm die Verwandlungen der Bühnendekoration zu lange. Also beorderte der Landesherr das Militär als Helfer hinter die Bühne. Doch die Einheit kam mit dem ungewohnten Terrain schlecht zurecht: Die zehn Soldaten bewegten sich hinter den Kulissen so laut, dass der Theaterherzog den Ankauf des neuen Schuhwerks anordnete.

Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen (1826-1914), geboren am 2. April vor 200 Jahren, gilt als visionär, ernst, perfektionistisch und detailverliebt. 48 Jahre lang regierte er sein kleines Herzogtum in Südthüringen, modernisierte die Verwaltung und war ein vergleichsweise liberaler Landesherr. Er achtete die Unabhängigkeit der Justiz und arbeitete eng mit dem Landtag zusammen. Alles andere - so seine Überzeugung - könne schnell zu Aufständen und Revolutionen führen. Unruhen hatte er 1848 im eigenen Herzogtum erlebt.

Zwischen Politik und Perfektion

Dabei war Georg II. als Theatermacher selbst ein Revolutionär. Erste kindliche Stücke hatte er schon als Elfjähriger geschrieben. Zum gefeierten Theater-Impresario wurde er nach 1866, als er als regierender Herzog die Verfügungsgewalt über das Meininger Hoftheater erhielt. Über Jahre hinweg entwickelte er fortan in enger Verbindung mit Schauspieler und Regisseur Ludwig Chronegk und seiner dritten Ehefrau, der Schauspielerin Ellen Franz, seine Theaterprinzipien. Sie sollten die damalige Aufführungspraxis grundlegend verändern. Georg erfand die Rolle des modernen Regisseurs, begriff die Aufführung als Gesamtkunstwerk. Sein Kernprinzip war dabei die historische Treue der Darstellung.

Er ersetzte einfache Kulissen durch plastische, detailgetreue Bühnenbilder und historisch korrekte Kostüme. Manchmal brachte er Requisiten aus seinem Privatbesitz mit, etwa wenn Rüstungen auf der Bühne benötigt wurden. Zudem brach Georg das damalige klassische Star-System auf und etablierte das Ensemble-Prinzip, bei dem sich auch Hauptdarsteller in Statistenrollen einfügen mussten. International auf Gastspielreisen bejubelt wurden seine Massenszenen, in denen jeder Statist individuell und lebendig agierte, statt nur dekorativ im Hintergrund zu stehen.

Revolution auf der Bühne

Dies alles entwickelte er in einer Zeit, in der Theater weder elektrisches Licht noch Drehbühnen besaßen. „Seine Theaterreformen wirken bis heute nach. Er war Monarch und zugleich Künstler - und was für einer: Seine Zeichnungen, seine Entwürfe für Bühnenbilder und Kostüme lassen einen heute noch staunen“, sagt der Leiter der Meininger Museen, Philipp Adlung. Schätzungsweise 2.500 Vorstellungen von Schauspiel und Konzerten hat Georg II. besucht und an rund 2.000 Tagen Regie geführt sowie Kostüm- und Dekorationsproben abgehalten. Proben- und Vorbereitungszeiten für Inszenierungen dauerten oft Monate, bevor alle Theaterelemente - also Raum, Licht, Ton, Sprache und Schauspieler - eine Einheit bildeten.

Meiningens Bürgermeister Fabian Giesder (SPD) sagt, die Stadt zehre noch immer von den Errungenschaften Georgs II. Das Theater sei heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die gesamte Region: „Die Lebendigkeit unserer Innenstadt, die Gastronomie, die kulturelle Vielfalt und das internationale Flair wären ohne das Theater und ohne die Spuren Georgs II. ein völlig anderes Bild. Viele unserer internationalen Kontakte und Partnerschaften verdanken wir seiner klugen Vernetzung mit Kunstschaffenden in ganz Europa.“

Ein Erbe, das bis heute trägt

Georgs Anliegen war es dabei stets zu unterhalten. Er brachte Feuer und Rauch auf die Bühnen - und die wachsamen Feuerwehrleute hinter die Bühnen der brandgefährdeten Theater. Er arbeitete mit optischen Effekten, ließ Gitarren mit Geigenbögen bespielen, um passend zur jeweiligen Szene schauerliche Töne zu erzeugen. Und er schickte seine Theatercompagnie in die Welt hinaus, um seine Kunstauffassung international bekannt zu machen. 2.877 Vorstellungen von London bis Odessa gaben die Meininger in der Fremde - ohne Georg übrigens, der als Landesherr in Meiningen unabkömmlich war.

Und als Landesherr ließ er auch das heutige Theater im klassizistischen Stil erbauen. Nachdem am 5. März 1908 das herzogliche Theater vollständig abgebrannt war, ordnete er einen Neubau an. Bereits am 17. Dezember 1909 feierte das 726-Plätze-Haus seine Wiedereröffnung mit Schillers „Braut von Messina“. Die Regie führte noch einmal der Theaterherzog höchstpersönlich. Angebote von Bankiers, die Kosten zu übernehmen, hatte er abgelehnt. Georg II. errichtete sich sein Theater selbst - geschenkt wollte er es nicht haben.

Ein Theater nach seinen Vorstellungen

Ungewöhnlich an dem Bau ist vor allem der Bereich für den Herzog. Das eigene Treppenhaus und das Speisezimmer führten den Landesherrn nicht - wie in anderen Hoftheatern üblich - zum Zentrum des ersten Ranges, sondern zu einer kleinen, unscheinbaren Loge direkt an der linken Bühnenseite. Hier konnte er bei Bedarf Anweisungen geben und Korrekturen anmahnen. Das Detail hat symbolischen Wert: Selten war ein regierender Herzog dem Ensemble seines Hoftheaters so nah.

Von Matthias Thüsing (epd)