Die Alleskönnerin: Goldener Ehrenbär der Berlinale für Michelle Yeoh
Frankfurt a.M. (epd).

Evelyn Quan Wang hat es nicht leicht: Ihre Wäscherei läuft schlecht, die Steuerbehörde will Geld, ihr Mann die Scheidung. Ihre Tochter hasst sie, ihr Vater missbilligt ihr Leben. Buchstäblich handelt es sich bei dieser Evelyn um die miserabelste Version ihrer selbst. Denn sie ist nur eine von unendlich vielen Varianten im Multiversum. Die Mittfünfzigerin ist ausgestattet mit einem Gerät, das ihr die Fähigkeiten verschiedener - besserer - Evelyns nach Bedarf direkt ins Gehirn herunterlädt und muss sich durch 1.001 Paralleluniversen prügeln. Als erste malaysische und asiatische Schauspielerin überhaupt erhielt Michelle Yeoh 2023 für diese körperliche wie psychologische Höllenfahrt in „Everything Everywhere All At Once“ den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle.

Bei der Eröffnung der 76. Berlinale am 12. Februar wird sie nun mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet. „Michelle Yeoh ist eine visionäre Künstlerin und Performerin, deren Werk Grenzen überschreitet - ob geografisch, sprachlich oder filmisch“, begründete Festivaldirektorin Tricia Tuttle die Ehrung.

Von der Ballerina zur Martial-Arts-Ikone

Am 6. August 1962 im malaysischen Ipoh geboren, fängt Yeoh schon als Kind an, Ballett zu tanzen. Mit 15 Jahren zieht sie mit ihrer Familie nach London. Der Traum von einer Karriere als Profitänzerin endet mit einer Rückenverletzung, prägt aber ihre Disziplin und ihr Körpergefühl bis heute. Dank der Teilnahme an Schönheitswettbewerben und dem Titel als Miss World Malaysia 1983 wird eine Filmproduktionsfirma in Hongkong auf sie aufmerksam. Der Durchbruch gelingt ihr 1985 mit ihrer ersten Hauptrolle in „Yes, Madam!“, einem Action-Film im typischen Hongkong-Stil mit halsbrecherischen Stunts.

Die englischsprachig aufgewachsene Yeoh lernt dafür mit Anfang 20 nicht nur verschiedene Kampfkünste, sondern auch Kantonesisch. In den frühen 90ern startet sie nach kurzer Abkehr von der Schauspielerei erneut durch und ist in zahlreichen Action- und sogenannten Wuxiá-Filmen zu sehen - ein Genre, das dramatische Geschichten von Kämpfen und epischen Schlachten in historischen Settings erzählt.

Hart im Nehmen

Wie hart im Nehmen Yeoh wirklich ist, offenbart ein schwerer Unfall am Set von „The Stunt Woman“ 1995. Yeoh spielt eine unerfahrene Stuntfrau, Sammo Hung, damals ein Star und Veteran des Hongkong-Actionkinos, ihren Mentor Master Tung. Der erste Versuch eines unspektakulären Falls auf einen fahrenden Lkw gelingt. Bei der Wiederholung derselben Szene aus einem anderen Blickwinkel stürzt Yeoh kopfüber zwischen zwei Matten. Im Krankenhaus wird sie wegen gebrochener Rippen und einer Rückenverletzung behandelt und denkt darüber nach, das Action-Genre an den Nagel zu hängen.

Regisseur Quentin Tarantino besucht sie und ermuntert sie, weiterzumachen. Später habe sie ihn gefragt, warum er sie nicht in seinem Erfolgsfilm „Kill Bill“ besetzt habe, erzählte Yeoh in einem Interview mit der „New York Times“. Tarantino habe geantwortet: „Niemand hätte doch geglaubt, dass Uma Thurman Michelle Yeoh besiegen kann.“

Durchbruch in Hollywood in James-Bond-Film

Der Durchbruch in Hollywood kommt 1997 mit dem James-Bond-Film „Der Morgen stirbt nie“: Als chinesische Geheimagentin Wai Lin importiert sie den typischen Kampfkunststil des Hongkong-Actionkinos in das Bond-Universum. Ein künstlerischer Höhepunkt ist Ang Lees „Tiger & Dragon“ (2000): Halb romantisches Drama, halb Wuxiá-Film kann Yeoh hier ihr gesamtes Potenzial ausschöpfen.

In Luc Bessons Biopic „The Lady“ (2011) über die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi aus Myanmar, die 16 Jahre lang von der Militärregierung unter Hausarrest gestellt wurde, spielte sie die Hauptrolle. Yeoh lernte Burmesisch und lieferte eine ungewöhnliche Performance, ganz ohne Kampfszenen.

Im Jahr 2000 gründete Yeoh in Hongkong ihre eigene Filmproduktionsfirma Mythical Films, um kreative Talente und hochkarätige chinesische Filme zu produzieren. Sie ist in zweiter Ehe mit dem Franzosen Jean Todt verheiratet, früherer Formel-1-Teamchef von Ferrari.

Stunts und Kampfszenen mit über 60

Während viele Schauspielerinnen ab 50 im besten Fall mütterliche Rollen angeboten bekommen, entdeckt und genießt Yeoh in letzter Zeit ihre Qualitäten als Bösewichtin, ob als manipulative und durchtriebene Madame Morrible in der Musical-Adaption „Wicked“ oder als Philippa Georgiou in „Star Trek: Discovery“. Die Figur der Philippa Georgiou ist so beliebt, dass Yeoh deren fiese Seite im Spin-Off „Section 31“ (2025, Paramount) noch einmal präsentieren darf - allerdings ist sie mit dieser Rolle auch für die Spottauszeichnung „Goldene Himbeere“ 2026 nominiert.

Sowohl in „Section 31“ als auch in„Everything Everywhere All At Once“ vollführt die inzwischen über 60-Jährige ihre Stunts und spektakulären Kampfszenen nach wie vor selbst. Für ihre Fans ist sie ein Vorbild für alle Frauen, die sich von Jugendwahn und Patriarchat nicht unterkriegen lassen.

Von Maxi Braun (epd)