Christian Hain: "Natürlich schmerzt es, Dokumente ziehen zu lassen"
Das Goethe- und Schiller-Archiv kauft Autografen nicht um jeden Preis
Weimar (epd).

Das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar hat im November sieben Briefe von und an Goethe ersteigert. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erläutert der Direktor und Literaturwissenschaftler Christian Hain die Ankaufstrategie seines Hauses - und warum er auch einmal wichtige Korrespondenzen privaten Sammlern überlässt.

epd: Herr Hain, das Goethe- und Schiller-Archiv hat sieben Schreiben von und an Goethe ersteigert und dazu noch einige Briefe aus dem Umfeld. Warum ist es wichtig, diese Schreiben in Ihrem Archiv zu haben?

Hain: Wir kaufen diese Dokumente nicht aus einem bloßen Habenwollen. Es geht immer darum, diese Quellen der Allgemeinheit und der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Wir präsentieren diese Dokumente in unseren Ausstellungen, digitalisieren sie zur Einsicht im Internet und verwahren sie für die Öffentlichkeit. Das unterscheidet uns von den meisten privaten Sammlern, mit denen wir bei Auktionen wie der Versteigerung im November konkurrieren.

epd: Aber die Inhalte der Schreiben sind doch bekannt, spätestens seit der Präsentation in Auktionskatalogen. Für die reine Forschung könnten Sie es doch dabei belassen...

Hain: Der schriftliche Nachlass Goethes gehört seit 2001 zum Weltdokumentenerbe der Unesco. Insofern sehen wir es tatsächlich auch als unseren Auftrag an, in diesem Bestand Lücken zu schließen. Darüber hinaus geht es darum, die fragilen Papiere dauerhaft zu erhalten - das ist nicht bei jedem Sammler garantiert. Wir hingegen bewahren sie unter optimalen Bedingungen über wirklich lange Zeiträume.

epd: Sie haben auch auf Briefe von Goethe an Wilhelm und Alexander von Humboldt mitgeboten, mussten sich aber im Bietergefecht geschlagen geben. Wenn es darum geht, Lücken zu schließen, muss das schmerzen.

Hain: Ihre Überlegung in der vorausgegangenen Frage war ja nicht falsch. Wir kennen die Briefe, wir kennen deren Inhalt. Natürlich schmerzt es mich, solche Dokumente ziehen lassen zu müssen. Aber ich bin sehr optimistisch, dass mein Nachfolger in 100 Jahren - vielleicht früher, vielleicht später - erneut die Chance haben wird, auf diese Briefe zu bieten. Die Erfahrung lehrt uns: Solche Dokumente gelangen aus Privatbesitz regelmäßig wieder auf den Autografen-Markt zurück. Langfristig sind die Schreiben für die Stiftung und deren Sammlung also nicht verloren.

epd: Möglicherweise werden die Preise aber weiter steigen, und Sie müssen dann ein Vielfaches bezahlen.

Hain: Wie sich die Preise entwickeln werden, weiß niemand. Aber bei der Auktion Ende November wäre es unverantwortlich gewesen, 100.000 Euro für zwei Briefe auszugeben. Das ist Geld von privaten Spendern und auch das des Steuerzahlers. Mir geht es darum, verantwortungsvoll damit umzugehen. Und mit den Briefen, die wir nun für etwa die Hälfte der Summe ersteigert haben, sind uns einige wertvolle Ankäufe gelungen.

epd: Können Sie sicher sein, dass die Humboldt-Briefe tatsächlich an einen privaten Sammler gegangen sind? Denkbar wäre doch auch, dass sich auf solchen Terminen Museen und Archive gegenseitig überbieten.

Hain: Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Briefe jetzt Teil einer privaten Sammlung sind. In Deutschland gibt es eine Handvoll Institutionen, die sich für diese Dokumente interessieren. Mit denen sprechen wir im Vorfeld. So war auf der fraglichen Auktion auch ein interessanter Schiller-Brief im Angebot, den das Deutsche Literaturarchiv Marbach ersteigern wollte. Da haben wir von uns aus gesagt: Der gehört ins Schiller-Archiv in Marbach. Da bieten wir nicht mit - auch wenn wir Schiller im Namen unseres Archivs führen und seit 1889 einen großen Schiller-Nachlass betreuen.

epd: Wie wichtig sind private Förderer für Ankäufe?

Hain: Gerade die Bedeutung privater Unterstützung bei Handschriftenerwerbungen nimmt zu. Speziell bei stark umkämpften Autografen ist deutlich geworden, dass Erwerbungen dieser Qualität ohne mäzenatische Förderung künftig kaum noch möglich sein werden.

epd: Nach welchen Kriterien suchen Sie denn aus, was Sie brauchen und was Sie ziehen lassen können?

Hain: Unser Kernbestand seit Gründung des Archivs ist Johann Wolfgang von Goethe. Aber uns interessieren im weiteren Sinne natürlich auch dessen Kontakte, Umfeld und Netzwerk. So haben wir ebenfalls im November einen Brief von Goethes Vertrautem Johann Peter Eckermann (1792-1854) aus dem Jahr 1828 ersteigert. Darin verabredet er mit dem späteren Direktor des Königlich Historischen Museums in Dresden, Karl Constantin Kraukling (1792-1873), einen Besuch bei Goethe. Der Dichter hielt sich nach dem Tod des Großherzogs Karl August mehrere Wochen auf Schloss Dornburg an der Saale auf. Das zeigt: Es ist zwar keine Goethe-Korrespondenz, steht aber in engem Zusammenhang mit ihm.

epd-Gespräch: Matthias Thüsing