Bach in Brasilien: Wie Rio den Thomaskantor zum Tanzen bringt
Rio de Janeiro, Leipzig (epd).

Im Ausgehviertel Lapa in Rio de Janeiro ist es schon am frühen Abend laut. Aus den Bars dringen Stimmen und Gitarren, auf der Straße mischt sich Hupen mit dem Klappern von Geschirr, irgendwo stimmt jemand einen brasilianischen Choro an. Die Luft ist warm, vom Atlantik zieht Feuchtigkeit durch die Gassen. Es riecht nach gegrilltem Fleisch und Abgasen.

Dann setzen Streicher ein, eine klare Melodie behauptet sich gegen den Großstadtlärm: das E-Dur-Violinkonzert von Johann Sebastian Bach. Rund zehn Musiker des brasilianischen Kammerorchesters „Johann Sebastian Rio“ spielen in einer gut gefüllten Bar. An den Tischen klirren Gläser, Menschen trinken Kaffee, Bier oder Caipirinha, knabbern Kleinigkeiten.

Zunächst klingt alles nach dem europäischen Barockmeister, klar und elegant. Doch nach und nach gewinnt die Musik einen anderen, federnden Puls. Brasilianische Rhythmen schieben sich zwischen die Streicher, Bach bekommt Swing, die Melodie beginnt zu tänzeln, bis sie beinahe in eine Samba übergeht. Die Gäste lächeln, wippen im Takt, einige hält es nicht mehr auf den Stühlen. Aus dem Konzert wird ein Tanz und aus Bach ein Stück Rio.

„Bachs Musik besitzt eine tänzerische Qualität“

Dirigent Felipe Prazeres ist Leiter des Orchesters, das seit 2015 auftritt. „Bachs Musik besitzt eine tänzerische Qualität, die sich wunderbar mit unseren Rhythmen verbindet“, sagt er. „Johann Sebastian Rio“, der Name ist Programm und Wortspiel zugleich: Ein Bach ist ein Fluss, ein Rio auch. Der Brasilianer Prazeres wuchs mit dieser Musik auf; als Kind hörte er seinen Vater Bachs dritte Orchestersuite dirigieren, wie er erzählt: „Schon damals spürte ich, dass diese Töne einen an einen Ort der tiefen Innenschau versetzen können.“

Johann Sebastian Bach, geboren 1685 in Eisenach, wirkte von 1723 bis zu seinem Tod 1750 als Kantor an der Leipziger Thomaskirche. Dort komponierte er wöchentlich Kantaten und große Passionen. Leipzig ist bis heute das Zentrum der Bach-Pflege.

Thomaskantor: Bachs Erbe ist kein Museumsstück

Andreas Reize, der heutige Thomaskantor und 18. Nachfolger Bachs im Amt, sieht in dieser Musik ein direktes Erbe der Reformation, an die am 31. Oktober mit dem Reformationstag erinnert wird. So wie Martin Luther die Bibel in die Sprache des Volkes übersetzte, übersetzte Bach die Theologie in Töne. „Bachs Musik ist sehr konkret aus seiner Zeit, seinem Glauben und der lutherischen Tradition heraus entstanden“, sagt der gebürtige Schweizer.

Unter dem theologischen Gerüst liegen laut Reize menschliche Ur-Erfahrungen: Angst, Hoffnung, Schuld und Trost. In der Matthäus-Passion begegne der Zuhörerschaft kein fernes Dogma, sondern das Leiden und Zweifeln eines Menschen, meint der Experte. Das erreicht auch Hörer, die keinen Bezug zum Christentum haben. Für Reize ist klar: Bachs Erbe ist kein Museumsstück. „Bach darf unterschiedlich klingen“, betont der Thomaskantor. „Ich finde sogar: Er muss es.“

Von Leipzig über Stuttgart in die Welt

Diese Universalität ebnete der Musik auch den Weg nach Übersee. Eine Schlüsselrolle spielte dabei Stuttgart: Der 2026 gestorbene Helmuth Rilling gründete dort 1981 die Internationale Bachakademie, machte das Gesamtwerk weltweit zugänglich und reiste als musikalischer Botschafter nach Südamerika. Für den heutigen Akademieleiter Hans-Christoph Rademann ist Bachs Strahlkraft ungebrochen: „Seine Musik bringt Ordnung in die Seele, sie richtet auf und ermutigt.“

In Brasilien traf die deutsche Barockmusik auf fruchtbaren Boden. Der Komponist Heitor Villa-Lobos (1887-1959) verwebte schon Mitte des 20. Jahrhunderts in seinen „Bachianas Brasileiras“ Bach'sche Kontrapunkte mit brasilianischer Folklore. Felipe Prazeres führt diesen Dialog heute fort. „Brasilien hat Bach nicht einfach kopiert, wir antworten ihm“, sagt er. Der Swing, das Rhythmusgefühl - all das fließe ganz natürlich ein. „Es sind unterschiedliche Perspektiven, die sich perfekt ergänzen.“

Wenn Bach nach Rio käme

Was würde Prazeres tun, wenn Bach selbst für einen Tag in Rio auftauchte? Er würde ihn durch Lapa führen, sagt er, ihm die Musik der Straße zeigen und schließlich mit ihm hinauf zur Berühmtheit der Stadt fahren: zur riesigen Christusstatue auf dem Corcovado. „Wir würden über Rhythmus sprechen, über die Welt und über Gott“, sagt Prazeres. Denn Bach unterzeichnete fast alle seine Partituren mit den Buchstaben SDG - Soli Deo Gloria, allein zur Ehre Gottes.

Von Matthias Pankau (epd)