Architektur für das Unsagbare
Das Jüdische Museum Berlin feiert den Libeskind-Bau zum 25-Jährigen
Berlin (epd).

„Between the Lines“ - „Zwischen den Zeilen“ - diesen Titel, der den französischen Philosophen Jacques Derrida zitiert, hatte der Architekt Daniel Libeskind seinem Entwurf gegeben, mit dem er 1989 den Wettbewerb für ein jüdisches Museum in Berlin gewann.

Der vor 25 Jahren eröffnete zickzackförmige Bau des Jüdischen Museums ist längst eine Ikone der Architektur geworden. In der Form eines zerbrochenen Davidsterns erinnert er an unsagbares Leid und ist auch ein Monument für den Holocaust. „Between the Lines“, diesen Titel trägt auch die Ausstellung, mit der das Jüdische Museum Berlin sein 25-jähriges Bestehen feiert.

Im Mittelpunkt der Schau steht das Gebäude mit seinem Entwurfskonzept. Das mittlerweile größte jüdische Museum Europas war der erste realisierte Bau des US-amerikanisch-polnischen Architekten. Präsentiert werden Modelle, Zeichnungen und Fotos aus der Bauzeit des Hauses sowie weitere Dokumente, die überwiegend aus der Sammlung des Museums stammen, sowie Leihgaben und Schenkungen von Daniel Libeskind.

Für Hetty Berg, Direktorin des Jüdischen Museums Berlin, ist die Bedeutung des Gebäudes für die deutsche Erinnerungskultur nicht zu unterschätzen. Libeskind habe ein Mahnmal für die Geschichte des Holocaust geschaffen, erklärte sie. Mit der Schau ehrt das Museum den Baumeister, der am 12. Mai seinen 80. Geburtstag feiert. Für den heute in aller Welt gefragten Architekten bleibt das Jüdische Museum Berlin das Projekt, an dem er noch immer „mit ganzem Herzen“ hänge, wie Libeskind im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) bekannte.

Mit der Präsentation von drei großen Architekturmodellen in der Achse des Raums lenkt die Ausstellung den Fokus auf das Innovative von Libeskinds Entwurf. Den Auftakt bildet das sogenannte Namen-Modell, mit dem Daniel Libeskind im Sommer 1989 den Wettbewerb eines Erweiterungsbaus für die Jüdische Abteilung im Berlin Museum im damaligen West-Berlin gewonnen hatte. Es zeigt bereits die geneigten Außenwände und die sogenannten Voids, die Leerräume, die bis heute das Markenzeichen des Gebäudes sind. Die Unterlage für das Modell bilden Namenslisten der ermordeten Berliner Jüdinnen und Juden.

An der Wand daneben hängt die drei Meter lange Entwurfszeichnung mit Zitaten, die das Konzept Libeskinds bestimmten. So verläuft unterhalb der Zeichnung ein hebräischer Vers des Propheten Jeremias. Um die Figur des zerbrochenen Davidsterns liest man Namen und Adressen von Personen, die für Libeskind das intellektuelle Berlin bis ins 20. Jahrhundert prägten, dazu Zitate von Walter Benjamin und Deportationsdaten Berliner Jüdinnen und Juden.

Ein zweites Modell präsentiert das realisierte Gebäude, während das dritte als Studienmodell die Grundlage für Praktikantinnen und Praktikanten des Studios Libeskind bildete, die Details, wie die Räume, mit denen der Architekt auf den Holocaust Bezug nimmt, bearbeiteten. Dazu gehören die leeren Betonschluchten, die den Bau vom Untergeschoss bis zum Dach durchziehen, die Voids, mit denen er die Abwesenheit der Ermordeten thematisiert. Unter Anspielung auf die aktuelle Situation zunehmender Gewalt gegen Juden und wachsenden Antisemitismus sagte Libeskind dem epd: „In der heutigen Zeit würde ich die Voids stärker betonen und die Verbindungen dazwischen noch enger gestalten.“

Einen eigenen Raum widmet die Ausstellung den parallel zum Bau des Jüdischen Museums entstandenen Plänen Libeskinds für die Bebauung des ehemaligen SS-Truppenlagers in Sachsenhausen bei Oranienburg. Die Gebäude auf dem SS-Truppengelände, wo Mitarbeiter der SS ausgebildet wurden, waren von Zwangsarbeitern errichtet worden. Das habe Libeskind zu dem ungewöhnlichen Konzept einer Mischung aus kommunalen Bauten und Renaturierung des Geländes inspiriert, erklärte Kuratorin Goldmann.

Libeskinds Pläne wurden abgelehnt, er erhielt jedoch einen Sonderpreis der Stadt. Die Bebauung scheiterte schließlich an fehlenden Mitteln, was den Architekten bis heute mit einer gewissen Genugtuung erfüllt: „Immerhin ist es gelungen, ein geplantes Shopping-Center an diesem Ort zu verhindern!“ Das Modell seines Entwurfs für Sachsenhausen erhielt das Jüdische Museum Berlin jetzt vom Studio Libeskind als Schenkung.

Von Sigrid Hoff (epd)