Thüringer sind unzufrieden mit der Ausgestaltung von Demokratie
Erfurt (epd).

Die Unterstützung für die Demokratie ist in Thüringen so groß wie selten zuvor. Zugleich wachse jedoch die Unzufriedenheit mit ihrer praktischen Umsetzung, sagte die Jenaer Hochschullehrerin und Politikwissenschaftlerin Marion Reiser am Dienstag in Erfurt bei der Präsentation der Ergebnisse des diesjährigen Thüringen-Monitors. So hielten 90 Prozent der Befragten die Demokratie für die beste Staatsform. Gleichzeitig seien nur 44 Prozent mit ihrem Funktionieren zufrieden.

Diese Distanz spiegelt sich laut Reiser auch im Vertrauen in staatliche Institutionen wider. Lediglich rund ein Fünftel der Befragten vertraue der Bundesregierung, knapp ein Drittel der Landesregierung. Deutlich höher sei hingegen das Vertrauen in Polizei und Justiz. 72 Prozent sprechen der Polizei Vertrauen aus, 60 Prozent den Gerichten. Immerhin vertraue noch mehr als die Hälfte der Thüringer ehrenamtlichen Stadt- und Gemeinderäten sowie den Bürgermeistern ihrer Kommunen.

Zustimmung zur Demokratie stabil hoch

Studienautorin Marion Reiser sprach von einem ambivalenten Bild. Einerseits sei die grundsätzliche Zustimmung zur Demokratie stabil hoch, andererseits gebe es eine spürbare Entfremdung gegenüber ihrer konkreten Ausgestaltung. Positiv sei jedoch, dass diese Unzufriedenheit nicht zu einer stärkeren Zustimmung zu alternativen politischen Systemen führe. Entsprechende Einstellungen seien seit Jahren weitgehend stabil.

Der Anteil der Menschen mit rechtsextremen Einstellungen liegt Reisers Angaben zufolge bei 18 Prozent und damit auf ähnlichem Niveau wie in den Vorjahren. Einzelne Komponenten wie ethnozentrische Haltungen seien zwar weiterhin verbreitet, zeigten zuletzt jedoch leichte Rückgänge. Deutlich geringer ausgeprägt seien neo-nationalsozialistische Einstellungen, die nur eine kleine Minderheit betreffen.

Populistische Einstellungen weitverbreitet

Weit verbreitet sind dagegen populistische Einstellungen. Insgesamt 58 Prozent der Befragten äußerten entsprechende Haltungen, die sich vor allem durch Kritik an politischen Eliten und Institutionen sowie eine stärkere Befürwortung direkter Demokratie auszeichnen. Auffällig sei dabei, dass sich populistische und rechtsextreme Einstellungen zunehmend überschnitten, sagte Reiser.

Abseits der steigenden Unzufriedenheit mit der Ausgestaltung von politischen Prozessen zeigen sich die Menschen in Thüringen mehrheitlich zufrieden mit ihren Lebensverhältnissen und fühlen sich stark mit ihrer Heimat verbunden. Reiser sagte, rund 85 Prozent der Befragten bezeichneten die Lebensqualität in ihren Städten und Gemeinden als positiv.

Enge Bindung an die Region

Die Befragung wollte zudem wissen, was einen Menschen als Thüringer ausmache. Für die große Mehrheit zählen vor allem die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben sowie die Pflege von Traditionen. Mehr als die Hälfte der Befragten sieht Menschen als Thüringer an, wenn sie lange im Land leben.

Der Thüringen-Monitor untersucht seit 25 Jahren Einstellungen zu Demokratie und Gesellschaft im Freistaat. Die Umfrage wurde unter 3.838 Befragten im Juni 2025 durchgeführt. Sie gilt damit als repräsentativ für die wahlberechtigte Bevölkerung in Thüringen.

Von Matthias Thüsing (epd)