Die Berliner Register haben im vergangenen Jahr einen deutlichen Anstieg rassistischer und extrem rechter Angriffe, Bedrohungen und Propaganda registriert. Insgesamt seien 8.286 derartige Fälle gemeldet worden, ein neuer Höchststand und ein Anstieg von 7,3 Prozent gegenüber 2024 (7.720), teilten die Dokumentationsstellen am Dienstag in Berlin mit. Dies deute auf die Ausweitung menschenfeindlicher Einstellungen in der Stadt hin, weit über die extrem rechte Szene hinaus.
Lea Lölhöffel von der Koordinierungsstelle der zwölf Berliner Register erklärte, „die erfassten Aufkleber, Demonstrationen, Ausgrenzungen und Übergriffe richten sich gegen alle, die in extrem rechte Feindbilder passen“. Ihr Alltag sei zunehmend unsicher.
Vor allem Frauen und Kinder betroffen
Ein besonders großer Anstieg wurde bei rassistischen Aktivitäten gemeldet (2.320 Fälle), 30 Prozent mehr als im Jahr davor. Im Durchschnitt seien mehr als zwei Fälle rassistischer verbaler oder körperlicher Übergriffe pro Tag gezählt worden. Frauen und Minderjährige seien am häufigsten betroffen.
Auf den Bezirk Treptow-Köpenick entfielen demnach die meisten Vorfälle (1.238), gefolgt von Mitte (1.104). Auch Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg wiesen viele Vorfälle auf. Neonazistische und vor allem jugendliche Gruppierungen versuchten, sich in diesen Bezirken zu etablieren.
Umkämpfte Innenstadt
In Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg zeige sich „eine umkämpfte Innenstadt“. Die extreme Rechte habe sich mit Demonstrationen dorthin vorgewagt. In Mitte fanden im vergangenen Jahr auch zahlreiche antisemitische Demonstrationen statt. Zufallsbegegnungen im Alltag seien in beiden Bezirken besonders gewaltvoll verlaufen.
Häufigste Aktionsform ist laut den Registerstellen Propaganda, also die Verbreitung diskriminierender und extrem rechter Botschaften in Form von Aufklebern, Schmierereien oder Flyern (65 Prozent). Zudem seien Menschen, „die sich gegen rechts engagieren“, verstärkt Opfer von Angriffen geworden (1.641 Fälle).
Besonders im Osten der Stadt seien Pöbeleien und Gewalt durch jugendliche Neonazis erfasst worden. Die 2024 wiedererstarkte extrem rechte jugendkulturelle Bewegung sei 2025 zwar nicht weiter gewachsen. Stattdessen hätten sich die bestehenden Gruppen gefestigt und orientierten sich an etablierten extrem rechten Akteuren. So habe sich die „Deutsche Jugend Voran“ der Partei „Die Heimat“ angenähert, zunächst durch interne Schulungen und „Anwärtertreffen“, später auch bei öffentlichen Veranstaltungen.
Register erfassen mehr Fälle als die Polizei
Im Unterschied zur Kriminalitätsstatistik der Polizei fließen in die Berliner Register auch Vorfälle ein, die Bürger beobachten, keine Straftaten sind oder nicht angezeigt werden. Seit 2016 erfassen die vom Land geförderten Dokumentationsstellen stadtweit rechtsextreme und rassistische Vorfälle.
Als Beispiele von Gewaltvorfällen wurde etwa ein Angriff mit Pfefferspray auf einen Mann angeführt, der Neonazi-Aufkleber entfernte, der Herauswurf eines queeren Menschen aus einem Fitnessstudio und die antisemitische Beleidigung einer Kundin in einem Supermarkt. Lölhöffel betonte, Betroffene bekämen "die zugespitzten Debatten um Migration, Transrechte und den Nahost-Konflikt zu spüren”.