Iraner und Juden in Thüringen gründen Verein zur Völkerverständigung
Erfurt (epd).

„Wir Iraner“, sagt Pirusan Mahboob, „sind alles andere als Antisemiten.“ Mehr als 40 Jahre habe die iranische Staatsführung alles getan, das Land in diese Rolle zu drängen. „Aber wir haben es satt, der Paria der Weltpolitik zu sein. Wir wollen als Kulturnation wahrgenommen werden.“ Und ein bedeutender Teil der persischen Kultur seien seit Jahrtausenden die Juden.

Der Erfurter Unternehmer Pirusan Mahboob entstammt einer in den 1960er Jahren nach Deutschland geflohenen persischen Adelsfamilie. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern des Vereins „Ester“. Dieser wurde ausgerechnet einen Tag nach dem Angriff der USA auf das Ayatollah-Regime in Erfurt gegründet. Der Vereinszweck liegt in der Völkerverständigung und Aussöhnung zwischen Juden, iranischen Muslimen und Christen.

Sogar die Mullahs applaudierten

Heinz-Jürgen Kronberg führt den Verein. „Wir haben dieses Projekt 13 Jahre lang vor uns hergeschoben“, sagt er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Idee sei ihm und seinem Freund Pirusan nach einer gemeinsamen Reise nach Hamadan im Iran gekommen. Es herrschte nach dem frisch geschlossenen - und später durch Donald Trump wieder aufgekündigten - Atomabkommen ein politisches Tauwetter. „Ich war überrascht, wie aufgeschlossen die Iraner gegenüber Europa waren“, erinnert er sich. Als ehemaliger Bundestagsabgeordneter für Weimar sei er in Hamadan zu einer Stadtratssitzung als Gast eingeladen worden und habe dort durchaus auch kritische Anmerkungen machen dürfen. Am Ende habe der Stadtrat stehend applaudiert - auch die Mullahs im Saal.

Schon auf der Rückreise sei die Idee eines Vereins aufgekommen, der sich der iranisch-jüdischen Aussöhnung verschreiben solle. „Wir stellen uns etwa Angebote für Jugendliche vor“, sagt Kronberg. Das könnten Besuche in Schulklassen sein oder ein mehrtägiges Camp, in dem Jugendliche über ihr Leben, ihre Kultur und ihre Religion sprechen können. Wenn Deutschland nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust wieder zu Dialog, Versöhnung und Partnerschaft mit Israel und jüdischem Leben fähig gewesen sei, dann sollte diese Erfahrung auch Mut machen für andere Regionen der Welt.

Ester und Mordechai

Der Name des Vereins bezieht sich auf die biblische Königin Ester. Ihr Grab in der uralten persischen Stadt Hamadan gilt als eine der wichtigsten jüdischen Pilgerstätten außerhalb Israels. Ester und ihr Cousin Mordechai retteten einst das jüdische Volk im Persischen Reich. Der Ort sei ein starkes Symbol einer gemeinsamen jüdisch-iranischen Identität. Das jüdische Purimfest baut auf Esters Geschichte auf.

Doch während Jahr für Jahr Juden aus aller Welt zum Grabmal pilgerten, seien viele angestammte Juden seit der Mitte des 19. Jahrhunderts von dort weggezogen. Mahboob kennt nur noch zwei jüdische Familien vor Ort, die die heiligen Stätten betreuen. Im gesamten Land sollen noch etwa 15.000 Juden leben. Das Leben im Iran sei für sie in den vergangenen Jahrzehnten schwierig geworden.

Beziehung im Dreieck

Prägend für den Verein ist laut Kronberg der geistige Horizont und die Tradition, die sich über mehr als eintausend Jahre bis heute entwickelt haben. Da ist Hamadan mit seiner Grablege Esters, die zu den bedeutendsten jüdischen Pilgerstätten außerhalb Israels gehört. Da ist Erfurt mit der ältesten noch erhaltenen Synagoge Europas. Und da ist Haifa in Israel, Erfurts Partnerstadt und Zufluchtsort sehr vieler iranischer Juden und Bahai. Innerhalb dieses Dreiecks will der Verein wirksam werden.

Vieles sei denkbar, sagt auch Reinhard Schramm, Vereinsmitglied und Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. So könnte künftig auch Hamadan in die Israelisch-Jüdischen Kulturtage einbezogen werden, regte er Anfang des Monats an. Er ist überzeugt: Abseits des aktuellen Kriegsgeschehens „kann und wird Ester ein wertvolles Instrument für den Tag danach werden.“

Von Matthias Thüsing (epd)