Umfrage: Ärztliches Klinikpersonal erlebt regelmäßig Machtmissbrauch
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Mediziner berichten von Mobbing und sexistischen Sprüchen
Hannover (epd).

Ärztinnen und Ärzte in niedersächsischen Kliniken erleben laut einer Umfrage des Marburger Bundes häufig Machtmissbrauch, Demütigung und sexuelle Belästigung. An der landesweiten Mitgliederbefragung, deren Ergebnisse die Ärztevereinigung am Mittwoch in Hannover vorstellte, nahmen 1.071 Medizinerinnen und Mediziner teil.

Knapp die Hälfte der Befragten (44 Prozent) war demnach in den vergangenen zwölf Monaten von Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte betroffen, die Hälfte von ihnen sogar mehrfach. Elf Prozent gaben an, sexuelle Belästigung erlebt zu haben - teils mehrfach. Ärztinnen in Weiterbildung nannten zu 47 Prozent Chefärzte als Täter.

Keine Einzelfälle

„Wir haben es nicht mit Einzelfällen zu tun, sondern mit einem ernsthaften Problem in unseren Kliniken“, sagte der Vorsitzende des Ärzteverbandes in Niedersachsen Hans Martin Wollenberg: „Wo Hierarchien, Abhängigkeiten und Druck zusammenkommen, entsteht ein Klima für Machtmissbrauch.“ Dieses System müsse verändert werden: „Vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels ist Machtmissbrauch ein absolutes No-Go.“ Für Übergriffe müsse es „Rote Karten“ geben.

Zu den am häufigsten genannten Formen des Machtmissbrauchs gehörten „respektloser und herablassender Umgangston“ (82 Prozent), die Infragestellung der fachlichen Kompetenz (65 Prozent) sowie Mobbing und öffentliche Bloßstellung (51 Prozent). Die Bandbreite reiche von systematischer Herabwürdigung bis zu offenem Anschreien und Einschüchterung. Sexuelle Belästigung wurde der repräsentativen Umfrage zufolge am häufigsten in Form von sexuell aufgeladenen Kommentaren, abwertenden Sprüchen, sexuell aufgeladenen Gesprächen oder unerwünschten Erzählungen erlebt.

Männliche Vorgesetzte in der Täterrolle

86 Prozent des Machtmissbrauchs und 69 Prozent der sexuellen Belästigung gingen den Angaben zufolge von ärztlichen Vorgesetzten aus. Hauptsächlich sind Männer in der Täterrolle. So geht Machtmissbrauch laut 33 Prozent der Befragten „nur“ von Männern aus. 26 Prozent gaben an, es seien „vor allem“ Männer gewesen.

Sexualisierte Übergriffe wurden laut 68 Prozent der Teilnehmenden allein von Männern verübt. „In einem Berufsfeld, von dem gesagt wird, dass es weiblicher wird, ist das erschreckend“, sagte Wollenberg.

Gravierende Folgen

Die Folgen für die Betroffenen seien gravierend, hieß es. Viele litten unter emotionaler Erschöpfung und dächten über einen Klinikwechsel oder den Ausstieg aus der stationären Versorgung nach. Trotzdem würden weniger als ein Drittel der Fälle gemeldet, aus Angst vor Nachteilen, fehlendem Vertrauen in Konsequenzen und der Sorge, nicht ernst genommen zu werden.

„Grenzüberschreitungen dürfen nicht mehr folgenlos bleiben“, sagte der Zweite Vorsitzende des Landesverbandes, Andreas Hammerschmidt: „Wir fordern eine Verlängerung der gesetzlichen Meldefristen auf zwölf Monate und die Umsetzung der längst vorgeschriebenen niedrigschwelligen, anonymen Meldemöglichkeiten in jeder Klinik.“ Der Marburger Bund vertritt die Interessen der angestellten und verbeamteten Ärztinnen und Ärzte.

Von Michael Grau (epd)