Spider-Man rettet mal wieder die Welt, Winnetou kämpft für Gerechtigkeit und Frieden, der Sensenmann schleicht durch den Laden, Luke Skywalker schwingt sein Laserschwert: In der Bremer „Kostümwelt“ sind sie alle zu Hause - Filmidole, Superhelden, Märchenfiguren, Anime-Charaktere und Tiere aller Art. Besonders jetzt zur Hochphase von Karneval, Fasching und Fastnacht sind in vielen Regionen Deutschlands Kostümverleihe wie der Bremer Laden gefragt. Ständig geht die Tür, die Lust am Verkleiden treibt eine meist gut gelaunte Kundschaft zu den Kleiderständern.
Auf 500 Quadratmetern mehr als 3.000 Kostüme, dazu massenweise Zubehör wie Krönchen, Hüte, Schuhe und so ausgefallene Accessoires wie eitrige Wunden, verwachsenes Narbengewebe und furchterregende Reißzähne: „Wir erfüllen hier jeden Verkleidungswunsch, fast jeden“, sagt Beraterin Christine Herbst. Seit vier Jahren arbeitet die ehemalige Lagerlogistikerin in der „Kostümwelt“. „Mit großem Spaß“, schwärmt sie. Selten, dass sie „haben wir nicht“ sagen muss. Für einen Junggesellenabschied wurde sie mal nach einem aufblasbaren Penis gefragt, den hatte die Kostümwelt tatsächlich nicht in den Regalen.
„Die Leute wollen auffallen“
Aber das ist eine Ausnahme. Das Verkleidungsparadies ist in diesen Tagen besonders gefragt für den „Fasching am Ring“ im niedersächsischen Ganderkesee - eine der großen Hochburgen norddeutscher Närrinnen und Narren, gar nicht weit von Bremen entfernt. „Da haben wir viele Vorbestellungen“, freut sich Christine Herbst über die tollen Tage, die mit Büttenabenden, Kinderfasching und einem großen Straßenumzug verbunden sind. Piraten sind da gefragt, Tiere natürlich, Polizisten, Cowboys, Nonnen und Mönche. „Hauptsache bunt, die Leute wollen auffallen.“
Timo Vetter, Präsidiumsmitglied der Faschingsnarren in Ganderkesee, spricht von einem Ausnahmezustand, der sich gerade breitmacht. „Alles ist erlaubt, fast alles“, sagt er. „Ohne Hemmungen darf man in eine andere Rolle schlüpfen, ohne dass es peinlich ist. Es ist akzeptiert, ein Ritual, Tradition.“
Das kennt Christine Herbst, die in ihrem Job auch deshalb richtig ist, weil sie sich selbst gerne verkleidet. Sie ist Fan der Cosplay-Szene, die Charaktere aus Animes, Mangas, Videospielen, Filmen und Büchern nachstellt. Heute wirft sie in der „Kostümwelt“ aber mal probeweise ein ausgreifendes Rokoko-Kostüm über. Was auch mit Arbeit verbunden ist: Zuerst in den Reifrock steigen, dann mit dem Kopf durch den Überrock schlüpfen, schließlich die Schnürung am Rücken schließen. Fehlt noch die Perücke mit langen weißen Locken und eine Choker-Halskette, die eng anliegt. Fertig ist das Ball-Outfit für die pompöse Zeitreise ins 18. Jahrhundert.
In eine andere Rolle schlüpfen
Doch was sagt die Wissenschaft zu dieser Lust am Verkleiden? Anruf bei Karl-Heinz Renner, Professor am Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität der Bundeswehr in München. Natürlich spielten da Spaß an der Kreativität genauso wie Konventionen und kulturelle Prägungen etwa im Rheinland eine Rolle, sagt er. „Wichtig ist aber auch: In Verkleidungen lässt sich eine neue Identität ausprobieren.“
Mal jemand anderes sein, im Schutz des Kostüms: Die Psychologie spricht Renner zufolge in diesem Zusammenhang von potenziellen Selbst- oder Idealbildern. „Verkleidungen können etwas über die Wünsche und Ideale aussagen, die eine Person hat.“ Auch an dem geflügelten Wort „Kleider machen Leute“ sei was dran, bekräftigt der Psychologe. Sie könnten sich auf Stimmungen, Aufmerksamkeit und Verhaltensweisen auswirken.
Im Rokoko-Kostüm schreiten
Das beobachtet Christine Herbst schon dann, wenn Kundinnen im Rokoko-Kostüm beim Anprobieren nicht mehr einfach durch den Laden gehen, sondern automatisch schreiten. „Raus aus dem Alltag lautet die Devise“, sagt Faschings-Profi Timo Vetter. „Und“, ergänzt er, „eine Verkleidung steigert das Gruppengefühl. Egal, ob die anderen dasselbe tragen oder etwas anderes - alle sind verkleidet. Das verbindet.“ Ganz besondere Lust am Verkleiden haben seiner Beobachtung nach Menschen, die sonst eher schüchtern unterwegs sind.
Anlässe bieten nicht nur Fasching und Karneval, sondern genauso Halloween, die Weihnachtszeit, Kostüm- und Motto-Partys, Maskenbälle und das Bayernzelt auf dem Rummel mit Dirndl und Krachledernen. Im Kostümverleih gibt es passende Outfits für alles. „Ich freue mich immer, wenn ich die Leute glücklich machen kann“, sagt Christine Herbst. Das sei, so jedenfalls ihre Erfahrung, der Normalfall.
Und dann gibt es noch die berührenden Geschichten, an die sie sich auch erinnert. Beispielsweise an die Kundin, die nach überstandener Chemotherapie in der Kostümwelt auftauchte und ihren zweiten „Geburtstag“ groß feiern wollte: im Ballkleid.