Sprachprüfung im Wohlfühlumfeld
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Sprachförderung in Kita (Themenbild)

Ab 2028 sollen alle Kitas in Rheinland-Pfalz die Deutschkenntnisse ihrer Kinder anderthalb Jahre vor der Einschulung nach einer einheitlichen Methodik erfassen. Die Tests sind so konzipiert, dass die Kleinen gar nichts davon mitbekommen.

Mainz (epd). Für die Mädchen und Jungen aus der Eulen-Gruppe, die mit Anita Bopp um einen Tisch herumsitzen, ist es bloß ein Spiel wie so viele andere. Die Erzieherin zeigt Bildkarten mit Tieren, und die Kinder sollen deren Namen in einzelnen Silben nennen und dazu klatschen. „Pan - da - bär“, ruft die kleine Cattaleya, die kein Problem damit hat, den schwarz-weißen Bambusfresser zu identifizieren. Schließlich habe sie zu Hause genau so einen als Plüschtier.

Auch ein Pulk von Journalisten mit Kameras und Mikrofonen und Landesbildungsministerin Ute Eiling-Hütig (CDU) bringt die Kinder in der Evangelischen Maria-Magdalena Kita auf dem Mainzer Lerchenberg nicht aus der Fassung. Was die Kleinen nicht ahnen: Eines von ihnen ist an diesem Morgen das „Zielkind“ für eine Sprachstandserhebung, dessen Fähigkeiten, Worte und Silben zu bilden, im Anschluss genau dokumentiert werden.

Der Kindergarten in dem Vorort der Landeshauptstadt ist einer von bislang 100, an denen das Mainzer Bildungsministerium und Pädagogik-Fachleute der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität (RPTU) Kaiserslautern-Landau ein Verfahren testen, um frühzeitig vor der Einschulung den Sprachstand von Kindern zu messen. Die seit dem Frühjahr amtierende CDU-SPD-Landesregierung in Mainz hatte sich in ihrem Koalitionsvertrag darauf verständigt, dass bei allen Kindern im Alter von 4,5 Jahren künftig eine verpflichtende Sprachstandserhebung erfolgt. 2028 soll sie an allen 2.800 Kitas im Land eingeführt werden.

Zielkinder sammeln Punkte

Der Bedarf liegt auf der Hand: Untersuchungen in mehreren Bundesländern hatten in den vergangenen Jahren ergeben, dass teilweise mehr als ein Viertel der Erstklässler erhebliche Defizite beim Sprechen und Verstehen aufwies. Auch in Rheinland-Pfalz ist das Problem bekannt: Die Ludwigshafener Gräfenau-Schule sorgte überregional für Schlagzeilen, weil dort über mehrere Jahre hinweg ein Viertel der Jungen und Mädchen oder sogar noch mehr die erste Klasse wiederholen musste.

Die Vorstellung, dass schon im Kindergarten Prüfungssituationen entstehen könnten, ist unbegründet, wie der Besuch in der Mainzer Pilotkita zeigt. Denn die Kinder erfahren gar nichts davon. „Wir schaffen ein Umfeld, in dem das Wohlfühlen von zentraler Bedeutung ist“, sagt RPTU-Professorin Anja Wildemann, Leiterin des Projekts „Sprache im Alltag beobachten“. Sie entwickelt mit ihren Kolleginnen und Kollegen Kartensets, die den Kitas Anleitungen für die abgefragten Aspekte geben - in Form von Memory-Spielen oder Wimmelbildern. Die Erzieherinnen und Erzieher machen dann mit den Kindern genau die Dinge, die sie auch sonst machen würden - nur mit dem Unterschied, dass für das „Zielkind“ Punkte notiert werden. Bei einem zu niedrigen Wert sollen Sprachfördermaßnahmen in den Kita-Alltag integriert werden.

Sprachbeauftragte für alle Kitas

Es gehe nicht darum, die Kinder mit geringem Wortschatz oder Problemen, längere Sätze zu bilden, aus den Gruppen herauszunehmen, stellt Wildemann klar. Auch Jungen und Mädchen, die in der eigenen Familie gar kein Deutsch gesprochen haben, könnten sich Kenntnisse in kürzester Zeit aneignen, wenn sie viel Kontakt mit der Sprache hätten. Es sei aber wichtig, dass jemand den Blick auf diese Kinder richte: „Es sollte jede Kita eine Sprachbeauftragte haben.“ Auf dem Mainzer Lerchenberg hat Anita Bopp diese Rolle übernommen. Sie empfindet die neuen Abfragebögen nicht als bürokratische Belastung, sondern sogar als Hilfe für ihre Arbeit. Gespräche zu Deutschkenntnissen der Kinder führe sie ohnehin regelmäßig, dies sei nun viel systematischer möglich.

Bei der Sprachstandserfassung stehen zwar Kinder aus Migrantenfamilien im Mittelpunkt, aber es geht nicht nur um sie. Auch auf regionale Besonderheiten werde geachtet, denn nicht alle Erstklässler würden zu Hause Hochdeutsch lernen. Allerdings gibt Projektleiterin Wildemann Entwarnung: Wer beim Sprachtest in den Kaufmannsladen geschickt werde, um Kartoffeln zu besorgen und auf Pfälzisch nach „Grumbeeren“ verlange, bekomme trotzdem die volle Punktzahl.

Webseite der Evangelischen Kita Mainz-Lerchenberg https://s.epd.de/40iw

Pressemeldung des Bildungsministeriums zum Thema https://s.epd.de/40j9

Von Karsten Packeiser (epd)