Die Kommune aus weiblicher Sicht mitgestalten
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Astrid Paluch engagiert sich bereits seit zehn Jahren in der Kommunalpolitik.
Warum zwei Frauen sich in der Kommunalpolitik engagieren

Noch immer sind Frauen in der Kommunalpolitik unterrepräsentiert. Zwei Frauen erzählen, was sie zum Engagement bewegt hat und was sich ändern müsste, um das Ehrenamt mehr Frauen zugänglich zu machen.

Dreieich, Bad Homburg (epd). Graues Wetter, leere Straßen und viele heruntergelassene Rollläden entmutigen sie nicht: Fröhlich klingelt Astrid Paluch im Februar an jeder Tür und gibt denen, die sie öffnen, Informationsmaterialien zur hessischen Kommunalwahl und zu den Grünen. Die 54-Jährige ist mit ihrer Partei in Dreieich, südlich von Frankfurt, auf Haustürwahlkampf. Sie selbst tritt bei den Kommunalwahlen bereits zum dritten Mal für die Stadtverordnetenversammlung an.

30 Kilometer nördlich steht Afroditi Tsobanelis-Görgen bei damals Kälte und starkem Wind in der Fußgängerzone von Bad Homburg und verteilt Flyer und Gummibärchen. Die 42-Jährige war in der vergangenen Legislaturperiode für die CDU im Ortsbeirat und kandidiert in diesem Jahr für gleich drei Ämter: den Ortsbeirat, das Stadtparlament und den Kreistag. „Das volle Programm also“, sagt sie und lacht.

Frauen sind in der Kommunalpolitik unterrepräsentiert

Paluch und Tsobanelis-Görgen sind Teil einer Minderheit. Zahlen des Hessischen Statistischen Landesamts zeigen, dass bei den vergangenen Kommunalwahlen 36 Prozent der Sitze in Kreistagen an Frauen gingen. Für die Gemeinderäte gilt: Je kleiner die Gemeinde, desto weniger Frauen. Nach einer Erhebung des Thünen-Instituts lag der Frauenanteil in Gemeinderäten von Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern in der vergangenen Legislaturperiode nur bei 21 Prozent, in Gemeinden mit mehr als 100.000 Einwohnern jedoch bei 48 Prozent.

Zurück nach Dreieich: Vor dem Haustürwahlkampf sitzt Astrid Paluch bei einer Tasse Tee im Fraktionsraum der Grünen und erzählt von ihren Anfängen in der Kommunalpolitik. Als sie ihr erstes Mandat bekam, waren ihre Kinder sieben Jahre alt. Politisiert hatte sie sich aber bereits einige Jahre zuvor. Denn bei ihrem Umzug nach Dreieich fand die berufstätige Mutter keinen Platz im Kindergarten.

Ob Jugendparlament oder Waldkindergarten: Familienthemen, wie sie sie nennt, beschäftigen Paluch bis heute. Ein Grund, weshalb sie es wichtig findet, dass auch Frauen in der Kommunalpolitik aktiv sind. „Ich finde, einige Themen sollten auch von den Betroffenen vertreten werden“, sagt sie.

Vereinbarung von Familie, Beruf und Ehrenamt ist schwierig

Gerade für Frauen mit kleinen Kindern ist das Hindernis jedoch oft die schwierige Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt, glauben Paluch und Tsobanelis-Görgen, beide Mütter von zwei Kindern. Das beste Rezept, um Frauen das Engagement in der Kommunalpolitik zu ermöglichen, ist deshalb ihrer Meinung nach, eine Kinderbetreuung zu gewährleisten. Tsobanelis-Görgen sieht eine Chance auch darin, einige Sitzungen online stattfinden zu lassen.

Um mehr Frauen für die Kommunalpolitik zu gewinnen, haben die Grünen paritätisch besetzte Listen: Jeder zweite Platz wird an eine Frau vergeben, nur in Ausnahmefällen kann diese Regelung aufgehoben werden. Paluch glaubt, dass es dadurch für Neue allgemein leichter ist, in die Kommunalpolitik zu kommen. Man brauche keinen Erfahrungsschatz, sondern könne sich einfach als Persönlichkeit vorstellen. Dank der paritätischen Listen landete Paluch schon bei ihrer ersten Kandidatur auf einem der vorderen Listenplätze.

Die Parteien versuchen, Frauen für Politik zu gewinnen

Paritätische Listen gibt es bei der CDU zwar nicht, in Bad Homburg ist das Geschlechterverhältnis der Kandidatinnen und Kandidaten aber trotzdem fast ausgeglichen. „Es gibt aber sicherlich noch Verbände, bei denen wir an der Gleichstellung noch arbeiten müssen“, sagt Tsobanelis-Görgen bei einem Gespräch in einem Café in der Bad Homburger Innenstadt. Die Anwältin, selbst Vorsitzende der Frauenunion im Hochtaunuskreis, findet es wichtig, dass sich die Frauen untereinander vernetzen und selbstbewusst auftreten. Und sie meint, dass Kommunalpolitiker und -politikerinnen Frauen noch stärker ansprechen müssen.

Obwohl Tsobanelis-Görgen schon immer politisch interessiert war, ist sie erst 2016 in die CDU eingetreten. Ausschlaggebend dafür war die Flüchtlingskrise, aber auch der Zulauf zu rechtspopulistischen Parteien oder Bewegungen wie Pegida. „Das war für mich ein Weckruf“, sagt sie. Heute möchte sie insbesondere für Frauen sowie Menschen mit Migrationshintergrund ein Vorbild sein.

Kommunalpolitik erfordert viel Zeit

Beide betonen, dass die Kommunalpolitik viel Zeit in Anspruch nimmt. Zeit, die für die Familie manchmal fehlt. „Es sind ja nicht nur die Sitzungen, sondern auch Termine wie Spielplatzeinweihungen oder die Arbeit für die Partei“, sagt Paluch. Sie fände es gut, wenn es selbstverständlicher wäre, Kinder zu Terminen mitzunehmen. Trotzdem glaubt sie: Ohne Unterstützung geht es nicht: „Man braucht jemanden, der einem den Rücken freihält.“

Paluch und Tsobanelis-Görgen wollen ihr Engagement in der Kommunalpolitik nicht missen. In der eigenen Stadt politisch aktiv zu sein und diese mitzugestalten, das mache Kommunalpolitik für sie spannend. „Ich mag es, Ansprechpartnerin zu sein und es macht mir Spaß, zu gestalten“, sagt Tsobanelis-Görgen. „Gerade im Kommunalen merkt man: Politik fängt in der Nachbarschaft an.“

Von Josephine von der Haar (epd)